Kurt Tucholsky – Ein Student mit einiger stilistischer Begabung

Sarah Baukelmann*

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„Ein ganz einheitlicher Mensch von 21 Jahren. Vom gemäßigten und starken Schwingen des Spazierstocks, das die Schulter jugendlich hebt, angefangen bis zum überlegten Vergnügen und Mißachten seiner eigenen schriftstellerischen Arbeiten.“ 1

 

So und nicht anders beschrieb der im September 1911 noch literarisch völlig unbekannte Franz Kafka den moralischen Zeigefinger der Weimarer Demokratie 2 Kurt Tucholsky, nachdem sie sich in Prag begegneten.

Eingerahmt von der Dreieinigkeit Militär, Justiz und Industrie wurde Kurt Tucholsky am  9. Januar 1980 in Berlin-Moabit in der Lübecker Straße 13 zwischen zwei großen Werken der Lokomotiven- und Maschinenfabrik, dem Kriminalgericht Moabit und den gegenüberliegenden Kasernen im zweiten Stock geboren, symbolisch die Instanzen, mit denen er sich später so vehement auseinander setzen sollte. 3 Tucholsky wurde am Ende des 19. Jahrhunderts in eine gutbürgerliche-jüdische Familie hineingeboren. Der Vater, Alex Tucholsky, war ein typischer Aufsteiger in der expandierenden Industriegesellschaft 4, dessen Andenken stets in Ehren gehalten wurde, da dieser bereits 1905 an Syphilis verstarb. Konträr dazu steht dessen Cousine und gleichzeitig Frau Doris Tucholsky, die nicht nur der erstgeborene Kurt, sondern auch seine beiden Geschwister Fritz und Ellen, als „Dämon“ und herrschsüchtige Tyrannin, die nach außen den schönen Schein zur heilen Welt aufrechterhielt 5 beschrieben hatten. Der frühe Verlust des verehrten Vaters blieb für Tucholsky bis zum Schluss unüberwunden und so schrieb er 1935 an den Bruder, wie unerträglich es sei, dass „so ein wertvoller Mann wie Papa sterben musste, als er an der Schwelle der Ernte seines Lebens war.“ 6

Das Vermächtnis des Vaters ermöglichte es dem Ältesten ohne finanzielle Sorgen zu studieren und so immatrikulierte er sich 1909 an der juristischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Das zweite Semester seines Jurastudiums verbrachte er in Genf. Über das Referendarexamen sinnierte er 1912 in einem seiner Artikel und kreidete gleichzeitig die Rückständigkeit und Praxisferne des Studiums an, welches er als „Breittreten von Theorien über die Gesetze der alten Römer und Germanen aus staubigen Wälzern“ bezeichnete. Er machte auch keinen Halt davor, Professoren zu diskreditieren, unter denen sich keine geringeren als Franz von Liszt oder Gerhard Anschütz befanden.

Der juristische Ausbildung an der Universität stand er nicht kritiklos gegenüber und beschrieb sie mit den Worten: „Begriffe wünschen sie definiert zu sehen, Theorien erklärt, Gesetze geschichtlich entwickelt 7 (…) Sie fassen das Recht als eine Art Mathematik auf, als ein Schema starrer Dogmen, das vom Himmel auf ihre Köpfe fiel.“ 8

Bereits neben seinem Jurastudium schrieb Kurt Tucholsky. Am 25. April 1911 erschien sein erster Artikel in der auch von ihm abonnierten Zeitung „Vorwärts“, dem damaligen Parteiorgan der SPD, dem er in den ersten Jahren als Publizist treu blieb. In seinem Artikel spricht er sich gegen eine angeblich notwendige Zensur für das Proletariat aus und machte damit einen Schritt in Richtung des hellsichtigen Gesellschaftskritikers à la Heinrich Heine, der er einmal zu sein vermochte. Er beschränkte sich jedoch nicht nur aufs Schreiben, sondern las und archivierte auch. So reichte es ihm nicht eine Tageszeitung zu lesen, sondern er las gleich vier bis fünf. Das Malheur der gemeinen Leute sah er nicht darin, dass sie Zeitungen lasen, sondern dass es meist nur eine Zeitung war, auf deren Aussagen sie „wie eine Bibel“ schworen. Sein einstiges Berufsziel, Verteidiger zu werden, verwarf Tucholsky, obgleich er diesen Berufswunsch gegenüber Kafka im September 1911 noch beteuerte und so brach er mitten in der Vorbereitung auf das erste Staatsexamen sein Jurastudium 1912 ab. Damit er trotzdem einen Studienabschluss erlangen konnte, nutzte Tucholsky seine abgeänderte Referendarsarbeit, um diese in Jena als Dissertation über das Hypothekenrecht abzugeben. Prompt wurde diese zwei Mal abgelehnt und Tucholsky musste fast anderthalb Jahre und einige Änderungen in Kauf nehmen, um sich dann ab dem 12. Februar 1915 endlich Dr. jur. nennen zu dürfen.

Der sonst so emsige Autor, der in den vorherigen Jahren zwei bis drei Arbeiten pro Woche veröffentlichte, verstummte im August 1914. Schuld daran war der Erste Weltkrieg, der in Deutschland in „patriotischer Besoffenheit“ 9 bejubelt wurde. Für Tucholsky war der Krieg eine Vorstellung des Horrors, war er noch mit den Grundsätzen des Vaters aufgewachsen, dass Krieg nichts anderes hieße als privilegierter Mord. Doch dies schützte auch ihn nicht vor dem Einzug zum Militär und so folgte einem Monat nach Erhalt seines Doktortitels die Musterung. Tucholsky wurde als Armierungssoldat an die Front geschickt. Zwischen August 1914 bis Oktober 1916 erschien nur ein einziger Artikel von ihm.

Insgesamt schrieb Kurt Tucholsky im Laufe seines Lebens unter vier Pseudonymen, die alle für sich auch selbstständig waren und eigene Aufgaben erhielten, sodass er in allen Rubriken Stellung beziehen konnte. Die Vorlagen zu seinen Pseudonymen lieh sich Tucholsky von seinem Repetitor an der Universität 10, der sich bei seinen Fallbeispielen diverser Phantasienamen bediente. Was einst praktikabel begann, nämlich sich die Pseudonyme zu zulegen, damit Tucholsky mehrere Artikel innerhalb einer Ausgabe des Wochenblatts „Die Weltbühne“ publizieren konnte, schien später Ausdruck seiner selbst zu sein. Eigens deklariert er in seinem Vorwort des Sammelbandes „Mit 5 PS“ die Pseudonyme zu „kleinen Menschen(..), die ihr eigenes Dasein führten.“

So avancierte Ignaz Wrobel, als der er sich auch bei politischen Organisationen eintrug, zum zeitgemäßen Kritiker der Gesellschaft, der auf den Sturmhelmen der Reaktionen trommelte. 11 Peter Panther war der Feuilletonist unter den Vieren.  Theobald Tiger schrieb in provokativ frivoler Form an seine Geliebte und dichtete gleichzeitig auch damals bekannte Chansons und Schlager der Weimarer Republik. Nach dem Krieg erschien Kasper Hauser als nachdenklicher melancholischer Schriftsteller.

Bemerkenswert ist, dass für Kurt Tucholsky auch sein tatsächlicher Name zu den Pseudonymen zählte. Daher ist es wenig verwunderlich, dass sich das diese Vermischung von Pseudonymen und seiner tatsächlichen Identität auch in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen finden lässt. Beispielsweise unterschrieb er seine Briefe mit wechselnden Namen, benannte sich selbst scheinbar nach Lust und Laune anders und betitelte auch seine Freunde um. Eine Fehde zwischen seinen „fünf PS“ hielt er für nicht ausgeschlossen, diese dauere sogar bereits seit siebunddreißig Jahren an, wie dem Vorwort entnommen werden kann.

Zeit seines Lebens sah sich Tucholsky als politischer Journalist mit Intellekt, der sich eher dem linken Lager verschrieb und für die Arbeiterbewegung eintrat. Daher trat er schon vor dem Ersten Weltkrieg der SPD bei, die ihn jedoch enttäuschte, als sie die von ihm erklärten feindlichen Strukturen der Republik, namentlich das Militär, die Justiz und die Verwaltung, unterstützen und die Revolution 1918 niederzuschlagen versuchten. Von 1920 bis 1922 war er auch kurzzeitig Mitglied der USPD, die sich nach ihrer Spaltung mit der SPD verband. Später stand Tucholsky auch der KPD nahe, legte jedoch großen Wert darauf, kein Kommunist zu sein.

Der Berliner kann in den Jahren seines Wirkens auf Großes zurück blicken. In den 25 schreibaktiven Jahren Tucholskys veröffentlichte der Student mit einiger stilistischer Begabung 12 insgesamt mehr als 3.000 Artikel, mehr als die Hälfte davon erschienen in der „Weltbühne“, deren Leitung Tucholsky nach Siegfried Jacobsohn auch für kurze Zeitung übernahm und an Carl von Ossietzky übergab und die bis zu ihrem Verbot am 07. März 1933 durch die Nationalsozialisten als ein Forum für Politik, Kunst und Wirtschaft diente. Die publizistische Reichweite der kleinen roten Hefte ist bis heute unvergleichbar: nicht nur, dass renommierte Schriftsteller und prominente Journalisten als Autoren erscheinen, auch die Aufdeckung und Publikmachen der Aufrüstung der Reichswehr, welche schließlich zum legendären Weltbühne-Prozess führte, der durch sein Urteil militärkritische Presseorgane und Journalisten und letztlich die gesamte Pressefreiheit drastisch einschränkte, machten aus der einstigen Theaterzeitschrift eines der spektakulärsten Wochenblätter. Auch die von Kurt Tucholsky stammende Kritik an Literatur, Gesellschaft, Politik und Militär, sowie der damit verbundene Satz „Soldaten sind Mörder“ bleiben bis heute unvergessen. Dieser bescherte übrigens dem damaligen Autor Ossietzky eine weitere Anklage.

Aus Enttäuschung über die politischen und gesellschaftlichen Zustände lebte Tucholsky seit Anfang der 1920er Jahre nur noch sporadisch in Deutschland, verfolgte die Geschehnisse jedoch weiterhin genau. Es zog ihn anfänglich nach Frankreich und er residierte in seiner Wahlstadt Paris. Während dieser Zeit blieb er dem Schreiben treu und publizierte fleißig in diversen Zeitungen. 1930 verlegte er seinen Wohnsitz dauerhaft nach einem Urlaub nach Schweden. Schon ein Jahr darauf verstummte er in seinem selbst gewählten Exil.

1933 verboten die Nationalsozialisten „Die Weltbühne“, verbrannten Tucholskys Bücher und erkannten ihm die deutsche Staatsbürgerschaft ab. Der desillusionierte Schriftsteller fürchtete schon länger die Machtübernahme und Reichskanzlerschaft Hitlers, doch leider wurden seine Warnungen Jahre vorher nicht gehört. Der Autor verstarb am 21. Dezember 1935 in Göteborg.

* Die Autorin ist Studentin der Rechtswissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im vierten Fachsemester.


Fußnoten:

  1.    Kurt Tucholsky, Michael Hepp, 1998 in Reinbeck bei Hamburg, S. 26
  2.   Kurt Tucholsky – Biographische Annäherungen, Michael Hepp, 1993 in Reinbeck bei Hamburg, S. 7.
  3. Kurt Tucholsky, Michael Hepp in 1890-1915, 1998 in Reinbeck bei Hamburg, S. 26.
  4.   Kurt Tucholsky – Biographische Annäherungen, Michael Hepp, 1993 in Reinbeck bei Hamburg, S. 16.
  5.    Kurt Tucholsky – Biographische Annäherungen, Michael Hepp, 1993 in Reinbeck bei Hamburg, S. 26.
  6.         Kurt Tucholsky an Fritz Tucholsky am 03.06.1935.
  7. Gesamtausgabe. Texte und Briefe von Kurt Tucholsky Bd. 1-22, Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker, 1996 in Reinbeck bei Hamburg.
  8. Juristen, Kurt Tucholsky in: Zeit im Bild, 22.01.1914, Berlin.
  9.   Gesammelte Werke von Kurt Tucholsky in 10 Bänden, Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz, Reinbeck bei Hamburg 1975, Bd. 3, S. 241.
  10. Kurt Tucholsky – Biographische Annäherungen, Michael Hepp, 1993 in Reinbeck bei Hamburg, S. 79.
  11.   Kurt Tucholsky, Michael Hepp in Pseudonyme sind wie kleine Menschen, 1998 in Reinbeck bei Hamburg, S.31.
  12.    Ausgewählte Briefe 1913-1935 des Kurt Tucholsky.