Rezension: Beulke Klausurenkurs I

stud. iur. Philipp Böckmann, Universität Freiburg

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Einleitung

 

Für Zweitsemesterstudenten in Jura stellt sich in Freiburg regelmäßig eine Frage: „Wie lerne ich für die Strafrechtsklausur(en)?“ Neben dem Griff zum AT-Lehrbuch stehen dann auch Falllösungen auf dem Lernprogramm. Also braucht der ehrgeizige Student Fälle mit Lösungen. Neben den Fällen aus den Übungen bieten sich Fallbücher wie der Beulke „Klausurenkurs im Strafrecht I“ an. Bietet der Beulke Klausurenkurs I also für 19,95€ eine gute Vorbereitung auf die ersten Klausuren?

 

Das Buch sieht sich selbst als Ergänzung zu den Wessels AT- und BT-Bänden sowie dem Beulke StPO-Lehrbuch. Es verweist auch regelmäßig auf die Wessels-Bände. Wer die Wessels-Bände nicht kennt, der kann den Klausurenkurs I trotzdem benutzen. Allerdings kann dann das Auffinden ausführlicherer Streitdarstellungen, für die teilweise ausschließlich auf die Darstellungen in den Wessels-Büchern verwiesen wird, schwieriger und zeitraubender werden.

 

Das Buch ist im C.F. Müller-Verlag in der 6. Auflage im Jahre 2013 erschienen.

 

Aufbau des Buches

 

Nach dem Vorwort, einigen Hinweisen und dem Abkürzungs- und Literaturverzeichnis steigt der Klausurenkurs I mit einer Darstellung zur „Methodik der Fallbearbeitung“ in den Kernteil des Buches ein. Dieser Methodikteil ist noch genauer in „Falllösungstechnik“, (grundlegende) „Aufbaufragen“ und „Abschließende Hinweise“ untergliedert. Danach folgen im zweiten Kapitel die eigentlichen Klausuren für Anfänger, derer das Buch zehn enthält.

 

Bei den Klausuren ist der Sachverhalt auf einer Seite für sich dargestellt, worauf dann eine Kurzgliederung des Falles in einer für Klausurbedingungen realistischen Weise erfolgt. Dann kommt die ausformulierte Lösung. Hierbei sind Kommentare des Autors durch Kursivschrift und Informationen zu Problemfeldern und gut dargestellte Meinungsstreits durch einen gräulichen Kasten klar von der Falllösung abgesetzt. Einen speziellen Teil für „Vorüberlegungen“, die vor der Gliederung angestellt werden, gibt es, im Unterschied zu vielen Zeitschriftenklausuren (z.B. JuS 2013, 903ff.), nicht. Nach der Klausurlösung folgt ein Abschnitt mit Definitionen und Quellenverweisen auf weitere Klausuren zu den Themen, die in der gerade gelösten behandelt wurden.

 

Das dritte Kapitel enthält eine Hausarbeit für Anfänger mit zusätzlichen Hinweisen zu den Formalien und dem Quellenverzeichnis. Ansonsten folgt die Lösung der Hausarbeit dem Schema der Klausuren.

 

Im vierten Kapitel werden viele Probleme aus dem AT und einige wenige ausgewählte aus dem BT den Paragraphen, mit denen sie zusammenhängen, zugeordnet und es wird ein Kurzüberblick über eine mögliche Lösung zu diesen Problemen gegeben. Darauf folgen die im Buch verwendeten Definitionen, die ebenso mit ihren Paragraphen (z.B. § 223 StGB→ körperliche Misshandlung) angeführt werden. Das Kapitel fährt mit gängigen Schemata zu den Fällen und einem Verzeichnis von anderen Falllösungsbüchern und hilfreichen Aufsätzen fort, um dann mit einem Verzeichnis von ausgewählten Klausuren in Zeitschriften zu enden.

 

Inhaltliche Bewertung

 

Die anfänglichen Hinweise zur Methodik unterscheiden sich von denen im Wessels/Beulke/Satzger vor allem dadurch, dass mehr Wert auf die abstrakte Erörterung der Begutachtungstechnik gelegt wird. Diese wird für die folgenden Begutachtungsaufgaben schließlich auch notwendig sein, sodass jene Ausführungen sehr wichtig sind. Wie für Jura-Bücher typisch, wird größtenteils Fließtext genutzt, der gut gegliedert und in sehr lesbare Absätze aufgeteilt ist, aber in diesem Fall manchmal unübersichtlich werden kann. Es werden nämlich durchgehend Klammerquellen (Autor, Titel, Seite) benutzt. Dies ist eine bewusste Entscheidung des Autors, die der Leichtigkeit des Lesens dienen soll. Meist gelingt dies auch, aber gerade wenn in den ohnehin schon kursiv geschriebenen Erläuterungen zu den Klausuren noch ebenfalls kursive Klammerquellen in großer Zahl abgedruckt sind (bspw. S. 143, S. 151ff. und S. 225), wird dieses Ziel nicht erreicht. Perfekt wäre es, wenn an solchen Stellen entweder kurz auf einen nicht-kursive Schreibweise gewechselt oder zumindest die Klammerquellen aufgespalten werden würden.

 

Insgesamt gibt der Methodikteil einen guten Überblick über die grundlegende Fallbearbeitungstechnik und verweist den weitergehend interessierten Leser an die einschlägige Literatur zur juristischen Methodik. Vielleicht könnte man, um diese Stärke des Buches noch zu steigern, diesen Methodikteil stärker mit den eigentlichen Falllösungen verknüpfen, sodass für den Studenten klar wird, dass dieses Methodikwissen wirklich für die konkrete Arbeit am Fall wichtig ist. So könnten einige Verweise zwischen dem Methodikteil und den Falllösungen für den Studenten zu einem „Aha-Moment“ führen („Ooh, dafür ist das, was ich gelernt habe, also da!“).

 

Man kann geteilter Meinung sein, ob das Weglassen von den Klausuren vorstehenden Überlegungen hilft. Einerseits könnte dadurch einiges vorweg genommen werden, dass dann in der eigentlichen Fallprüfung nicht mehr der Erwähnung bedürfte und auch der Denkprozess beim Lösen würde so besser abgebildet. Andererseits erlaubt die gewählte Kommentierung innerhalb der Falllösung eine wesentlich eingehendere und ihrem „Standort“ in der Prüfung entsprechende Erörterung von Problemen, die sich nur mittelbar auf den eigentlichen Aufbau und Inhalt des Gutachtens auswirken, sodass diese Lösung auch sehr gut funktioniert.

 

Die Klausuren selbst behandeln viele wichtige Problemfelder aus dem Allgemeinen Teil des StGB und, was sehr wichtig ist, auch kleinere BT-Probleme, die ein Student bei seinen ersten Klausuren brauchen wird (z.B. Probleme beim Mord, Tiere als Sachen). Natürlich kann nicht jedes einzelne Problem behandelt werden, aber der Klausurenkurs I soll schließlich nicht ein AT- oder BT-Lehrbuch ersetzen, sondern den Studenten in der Fallbearbeitung schulen. Die Sachverhalte sind mit der Ausnahme des sehr unterhaltsam zu lesenden Falls zehn, nicht realitätsfern. Allerdings könnten manche Fälle etwas „fieser“ geschrieben sein. Beispielsweise könnte man den Studenten mit vielen Informationen zu einem Tatbestand konfrontieren, der dann gar nicht geprüft werden muss. Als Student muss man schließlich auch wissen, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen und die Aufgabenstellung richtig zu lesen.

 

Generell sind die Lösungen in einem guten Stil geschrieben. Man kann gut lernen und nach der Arbeit mit dem Buch auch erkennen, wo ein verkürzter Gutachtenstil oder gar Urteilsstil notwendig ist, und wo die Nutzung des ausführlicheren Gutachtenstils eher angebracht wäre. Teilweise könnten die Lösungen jedoch etwas knapper geschrieben sein, ohne dass dies eine Reduktion des Inhalts bedeutete. Etwas gewöhnungsbedürftig ist, dass Abkürzungen nicht mit Punkten beendet werden (z B vgl).

 

Die eigentlichen Fälle beschreiten das Feld des Allgemeinen Teils des Strafgesetzbuches ausgiebig und in vielen Facetten, sodass die meisten Probleme aufgearbeitet werden. Die restlichen sollte man selbst lernen. Die Diskussionspunkte des AT sind besonders ausführlich geschrieben und eignen sich – mit begleitender Lehrbuchliteratur – hervorragend, um sich ein eigenes Karteikartenarchiv an Streitübersichten zu schaffen. Für den Anfänger ist gerade die Ausführlichkeit der Lösungen etwas ungewöhnlich und daher gewöhnungsbedürftig. So wird z.B. nach einem vollendeten Totschlag stets eine gefährliche Körperverletzung als subsidiär verwirklicht geprüft. Teilweise werden bei dieser genauen Vorgehensweise auch mögliche Tatbestände übersehen (z.B. Fall zehn: §§ 242, 246).

 

Das abschließende Verzeichnis mit Zeitschriftenklausuren ist sehr reichhaltig. Allerdings ist es nach Erscheinungsdatum geordnet. Wer also eine Klausur zu einem bestimmten Thema sucht, der muss möglicherweise 13 Seiten durchgehen, um eine Klausur zu seinem gewünschten Themengebiet zu finden. Die auf die eigentlichen Klausuren folgenden Verweise auf andere Klausuren zu demselben Themengebiet sind praktischer. Diese Diskrepanz könnte durch die Bildung von „Pools“ mit Themenschwerpunkten aufgelöst werden (z.B. „Zeitschriftenklausuren mit dem Schwerpunkt beim Versuch [bei der Rechtfertigung, beim Unterlassungsdelikt…]“.

 

Fazit

 

Bietet der Beulke Klausurenkurs I also eine gute Vorbereitung? Ja, zum Erlernen der Fallbearbeitungstechnik und zur Wiederholung einiger AT-Streitstände ist der Klausurenkurs I geeignet und auch empfehlenswert. Ein AT-Lehrbuch ist als Begleitung für die Klausurvorbereitung natürlich unabdingbar.

 

*Der Autor ist derzeit Student der Rechtswissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau.