Raus aus der Bibliothek – Ran an den Verhandlungstisch

Erfahrungsbericht des Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot 2014/2015

Hannah Beck und Claire Presting*

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I. Moot Court – Was ist das eigentlich?

Ein Moot Court – was soll das eigentlich sein, fragen sich wohl die meisten. Es ist die Bezeichnung für ein simuliertes Gerichtsverfahren, das auf einem fiktiven Fall beruht. Die Bearbeiter nehmen dabei die Rolle der Anwälte ein, verfassen Schriftsätze und führen mündliche Verhandlungen.

II. Was macht den Vis Moot so besonders?

Der Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot – kurz genannt – Vis Moot zeichnet sich dadurch aus, dass er der größte zivilrechtliche Moot Court weltweit ist. An diesem prestigeträchtigen Wettbewerb nehmen jährlich über 300 Universitäten teil. Der erste Vis Moot fand 1994 in Wien statt, wobei Freiburg schon damals als Gründungsmitglied unter den zu diesem Zeitpunkt nur 11 Teams war und seitdem jedes Jahr teilnimmt.

Im Unterschied zu anderen Moot Courts findet kein nationaler Vorentscheid statt, sondern das Freiburger Team wie alle anderen auch fährt auf jeden Fall nach Hongkong und Wien. In Hongkong findet der Vis East statt, der als kleine Schwester des Wiener Wettbewerbs bezeichnet werden kann und 2004 ins Leben gerufen wurde. Obwohl der Vis East ursprünglich asiatische Teams zur Teilnahme anregen sollte, steht der Wettbewerb in Hong Kong auch nicht-asiatischen Teams offen. Die beiden Wettbewerbe laufen parallel und beschäftigen sich mit dem gleichen fiktiven Fall.

In diesem fiktiven Fall sind Rechtsgebiete relevant, die im Studium nicht behandelt werden, in der Praxis aber große Relevanz haben, wie z.B. das Schiedsverfahrensrecht und das UN-Kaufrecht. So handelt es sich bei dem Fall jedes Jahr um ein auf Englisch geführtes Schiedsverfahren, das sich mit einem Fall aus dem internationalen Kaufrecht befasst.

Freiburg tritt hierbei erfolgreich gegen Universitäten wie Harvard oder die Sorbonne an, wobei im Vordergrund jedoch zudem ganz klar die Freude am Kennenlernen von Studenten aus der ganzen Welt, neuer Rechtsmaterie und das Sammeln von Erfahrungen, die man so vielleicht nie wieder machen wird, steht.

Die Teilnahme am Wettbewerb nimmt das ganze Wintersemester ein, von Anfang Oktober bis ca. Ende März des darauffolgenden Jahres. Jedoch erhalten die Teilnehmer des Freiburger Teams dafür den Fremdsprachnachweis, einen Nachweis für eine Schlüsselqualifikation, einen Seminarschein und ein Freisemester auf den Freischuss angerechnet, sodass man nach dem neunten Fachsemester den Freischuss schreiben kann. Das Absolvieren der in diesem Semester anfallenden Scheine, zumeist bei Drittsemestern der kleine BGB und Öff, ist ohne Probleme möglich und bisher auch dank gezielter Vorbereitung in einem „Crashkurs“ noch jedem Mootie gelungen.

III. Die Anfangsphase

Das Erlebnis Moot fängt wie so oft mit einer Bewerbung an. Schriftlich müssen Motivationsschreiben und Lebenslauf auf Englisch verfasst werden, es ist aber jeder automatisch dadurch zum Auswahlwochenende eingeladen. In Freiburg bewerben sich vor allem Zweitsemester, Bewerbungen von Studierenden höherer Semester sind jedoch sehr willkommen.

Für den ersten Tag dieses Wochenendes bekommt jeder Bewerber ein Urteil des BGH aus dem UN-Kaufrecht. Dieses gilt es in den Tagen vor dem Wochenende so aufzubereiten, dass der Bewerber es in 10 Minuten als gutachterlicher Falllösung vortragen kann. Darauf folgt eine Fragerunde zu den Themen des Falles. Anschließend findet ein „Showpleading“ des letzten Moot-Teams statt, um den Bewerbern zu demonstrieren, was sie in Hongkong und Wien erwarten könnte. Nahezu völliges Unverständnis und der Glaube „zu so etwas bin ich ja nie im Leben fähig“ sind weder ungewöhnlich noch irgendwie schädlich. Umso besser, später zu sehen, dass man genau das eben doch schaffen kann.

Abends gibt es die Möglichkeit sich bei Bier und Pizza mit den Ehemaligen des Vis Moots über den Wettbewerb auszutauschen, diese kennenzulernen, und im Gespräch herauszufinden, ob das nicht etwas für einen sein könnte.

Am nächsten Tag bekommt jeder Bewerber noch eine „Moot“-Aufgabe zugeteilt. Anschließend folgt ein kurzes persönliches Gespräch auf Englisch und dann heißt es warten auf den Anruf.

Wir acht wurden schließlich aus ca. 40 Bewerbern für das Freiburger Team des 22. Vis Moots ausgewählt und kamen alle gerade ins dritte Semester. Es folgten ein erstes Teamtreffen und Kennenlernen mit unseren zwei Coaches. Und dann hieß es noch einmal gut durchatmen und in den Sommersemesterferien entspannen bevor es losgehen sollte, so gut das eben ging mit zwei Hausarbeiten.

Das Abenteuer begann auf einer kleinen Hütte im Schwarzwald zwei Wochen vor Semesterbeginn, denn der Sachverhalt wird jedes Jahr schon am ersten Freitag im Oktober veröffentlicht. Dort erhielten wir von unseren Coaches eine kleine Einführung in das UN-Kaufrecht und das Schiedsverfahrensrecht, wovon keiner von uns jemals zuvor gehört hatte. Doch im Vordergrund stand definitiv das Kennenlernen bei Werwolf-Spielen und Spaghetti Bolo kochen.

IV. Die Schriftsatzphase

Als wir begeistert und voller Vorfreude auf das, was uns in den nächsten Monaten erwarten würde, von der Hütte im Schwarzwald zurückgekommen waren, stand uns das Lesen des Sachverhaltes bevor. Motiviert verschlungen wir sonntags die ca. 60-seitige Fallakte, bevor es am nächsten Tag endlich losgehen würde.

Montagmorgen in unserem neuen Büro angekommen, wurde wir von unseren Coaches in drei Gruppen unterteilt, die sich jeweils mit einer Fragestellung aus dem Sachverhalt – dem englisch ausgesprochenen „Problem“ – beschäftigten. Zwei davon waren von prozessrechtlicher Natur, eines war materiell rechtlich. Und dann begann die Recherche und das viele, viele Lesen.

Neu als Team zusammengewürfelt gingen wir am ersten Tag gleich gemeinsam Mittagessen und haben uns auch eine Kaffeemaschine gekauft. Denn jetzt mussten wir – zumindest für Studenten – immer vergleichsweise frühaufstehen und nicht alle aus unserem Team kann man als Frühaufsteher bezeichnen.

Während wir uns an der Literaturrecherche und den uns bis dahin unbekannten Datenbanken versuchten, vergingen die ersten Tage schnell. Immer mal wieder kamen einige ehemalige Mooties mit allerlei Süßigkeiten und Schokolade vorbei, um sich uns vorzustellen. Namen über Namen prasselten auf uns ein und sie kannten uns alle schon… Auch das gelegentliche Werwolfspiel mit dem ein oder anderem Ehemaligen durfte natürlich nicht fehlen. Zu schnell war das erste Wochenende gekommen an dem wir unseren ersten Versuch eines „Schriftsatzes“ an unsere Coaches abzugeben hatten.

Stolz über jedes Thema ca. zehn Seiten geschrieben zu haben, wurden diese bei der Besprechung am nächsten Montag mit den Coaches im wahrsten Sinne des Wortes auseinander genommen. Wir bekamen Tipps und Anregungen, fingen jedoch gefühlt wieder bei Null an. In diesen ersten drei Wochen wurden jede Woche die Gruppen und Themen getauscht, um einen groben Überblick über den gesamten Fall zu bekommen. Nach dieser dreiwöchigen Rotation wurden wir dann jedoch in unsere Gruppen und Themenbereiche für den Klägerschriftsatz eingeteilt.

Jede Woche sah ungefähr so aus: ein Tag Besprechen, drei Tage Recherche und dann in zwei Tagen einen kompletten Schriftsatz schreiben. Jeden Samstag wurde unser Schriftsatz an zwei oder drei Ehemalige geschickt, die ihn dann lasen. Jeden Montag aufs Neue kamen die Ehemaligen zu uns ins Büro zur Besprechung. Sie gaben uns viel inhaltliches, sowie sprachliches Feedback, mit dem wir dann in die neue Woche starten konnten.

Neben dem Schriftsatzschreiben ist auch das wöchentlich stattfindende „Mootie-Mittagessen“ nicht zu vergessen. Einmal die Woche gingen wir gemeinsam als Team mit unseren Coaches und den Ehemaligen zusammen in die Mensa. Natürlich war auch der Moot ein häufiges Gesprächsthema, aber die Ehemaligen hatten auch immer ein offenes Ohr für jegliche, andere Fragen unsererseits. So lernten wir nach und nach die ganze „Moot-Familie“ kennen.

Um nicht gänzlich ohne Vorbereitung in die anstehenden Klausuren im kleinen BGB und Öff gehen zu müssen, wurde für uns und die Teilnehmern der anderen Moot Courts ein Crashkurs als Klausuren Vorbereitung angeboten. Dankend versuchten wir, uns neben dem CISG und Schiedsverfahrensrecht, noch die Grundlagen des BGB und der Grundrechte anzueignen. Glücklicherweise bestanden wir alle im ersten Anlauf und konnten uns wieder voll und ganz auf unseren Schriftsatz konzentrieren.

Nach ungefähr fünf Wochen haben wir begonnen, getrennt an einem Schriftsatz für Hongkong und Wien zu schreiben. In dieser intensiven Zeit war es unumgänglich, nicht manchmal auch aneinander zu geraten. Auf der anderen Seite haben wir aber auch unglaublich viel miteinander gelacht und es haben sich kleine Rituale entwickelt. Ein kleines Nickerchen in der Mittagspause gemacht? – Schon gab es ein Photo davon. Einmal kurz auf Toilette gegangen? – Hallo neuer Facebook-Post. Pünktlich versuchen zu acht zum Mittagessen zu gehen? – Fehlanzeige. Wie man sieht, kam neben der harten Arbeit auch ein bisschen Spaß nicht zu kurz.

Gegen Ende der Claimant Schriftsatzphase bekam jeder von uns noch eine Zusatzaufgabe. Ein Intro und ein Zeitstrahl mussten erstellt und geschrieben werden, auch wollten wir unser Inhalts- und Fallverzeichnis noch ein bisschen aufbessern. Dafür wurde ein Teammitglied zur General Literature Managerin ernannt und wehe, wir hatten am nächsten Morgen nicht mehr Quellen und Fälle wie am Vortag…

Die letzte Woche brach an, der Schriftsatz wurde hauptsächlich nur noch Korrektur gelesen und einige problematischen Stellen noch einmal verbessert. Passt jeder Satz auf den vorigen? Verstehe ich es, wenn ich keine Ahnung vom Thema habe? Kommt hier ein Komma hin oder nicht? Welchen Buchstaben in der Überschrift schreibe ich groß und welchen klein? Wo passt ein Absatz am besten? Viel wurde noch über die kleinsten Kleinigkeiten diskutiert, aber wir wollten, dass unser Schriftsatz perfekt wird.

Unglaublich schnell war nach einer Woche, während der wir jeden Tag in der Uni waren, Donnerstag, der 11. Dezember, gekommen – der Tag der ersten Abgabe. Jetzt wurde der Schriftsatz in die Formatvorlage eingefügt, das Inhalts- und Fallverzeichnis fertiggestellt und alle halbe Stunde eine Sicherheitskopie gemacht. Tick tack, tick tack, Mitternacht rückte immer näher… Um halb 12 kamen wir alle in einem Raum zusammen und schickten beide Schriftsätze ab! Danach war die Freude groß, wir stießen an und feierten mit vielen Ehemaligen die ganze Nacht.

Anschließend hatten wir alle erst einmal drei Tage frei, eine Pause die wir dringend benötigten, uns aber auch redlich verdient hatten. Und dann fing alles wieder von vorne an. Wir bekamen zwei Kläger-Schriftsätze von anderen Unis zugelost (Arizona State University und National University of Singapore), auf die wir nun zu antworten hatten. Hierfür hatten wir jetzt jedoch nur noch die Hälfte der Zeit, denn die nächste Abgabe war bereits am 22. Januar und zwischendrin hatten wir auch noch eine freie Woche über Weihnachten und Silvester.

Nachdem wir versucht hatten, die Akte mit den Augen der gegnerischen Seite zu lesen, die wir ja jetzt übernehmen sollten, ging es los. Wir mussten versuchen, alle Argumente, die wir in den letzten zweieinhalb Monaten hieb und stichfest gemacht hatten, zu zerstören. Ein Umdenken, welches zuerst nicht wirklich einfach war. Es half, dass wir zum Teil die Themen getauscht hatten und somit neuen Input bringen konnten, aber pro Themenbereich blieb ein Teammitglied, das bereits alle Fachkenntnisse hatte, was das Einarbeiten für die anderen erleichterte.

Wie im Flug waren die Wochen vergangen und auch der Tag der zweiten Abgabe war gekommen und dann – endlich abgegeben!

V. Die mündliche Vorbereitungsphase

Nachdem wir wohl verdient eine freie Woche genießen konnten, begann die mündliche Phase, die Vorbereitung auf die Pleadings in Hongkong und Wien. Zunächst galt es, die Speeches zu schreiben, also die Schriftsätze so aufzuarbeiten, dass man sie mündlich vortragen kann. 35 Seiten Schriftsatz in 30 min Sprechzeit pro Pleading-Team, das 2 Sprecher umfasst – gar nicht so einfach. Mehr und mehr änderten sich die Argumente aus den Schriftsätzen, wenn man merkte, dass manches einfach zu kompliziert ist, um es mündlich zu erklären. Jeder musste eine Rede für sowohl Beklagten-, als auch Klägerseite schreiben, da wir auch im Wettbewerb beide Seiten vortragen würden. Gar nicht so einfach, an einem Tag noch völlig überzeugt den Kläger zu vertreten und am nächsten Tag zu versuchen, die Schiedsrichter genau vom Gegenteil zu überzeugen. Im Gegenteil zu anderen Universitäten durften bei uns im Team alle Teammitglieder auch im Wettbewerb mindestens zwei Pleadings halten. Vier Teammitglieder traten in Hongkong an und vier in Wien. Wir reisten jedoch als ganzes Team mit unseren Coaches in beide Städte.

Deutlich entspannter im Vergleich zur Schriftsatzphase, mussten wir nun nur noch viermal die Woche abends zum Probepleading kommen, wobei die Ehemaligen für uns die Schiedsrichter spielten. Nun fing aber auch das Reisen an, nahezu jede Woche waren wir meist in Gruppen von vier Teammitgliedern unterwegs zu Kanzleien in Frankfurt, Stuttgart, München, Düsseldorf und Berlin. Dort fanden Probepleadings gegen Teams von anderen deutschen Universitäten statt, denen Anwälte der Kanzleien als Schiedsrichter vorsaßen. Dies war eine tolle Möglichkeit, große und mittelständische Kanzleien kennenzulernen, bei denen sich auch die Möglichkeit eines späteren Praktikums anbot. In Frankfurt nahmen wir zudem an der Advocacy School teil, die von der Frankfurter Moot Assocation ausgerichtet wurde. Hierbei bekamen wir die Möglichkeit, an einem Sprachtraining mit einer Sprachtrainerin, einer ehemaligen Musical-Sängerin, teilzunehmen, was auch aus nicht-juristischen Aspekten sehr interessant war. Zudem hatten wir unser erstes kleines Erfolgserlebnis, da wir bei einem kleinen Pre-Moot, einem „Vor“Wettbewerb, den die anwesenden ca. 7 deutschen Teams unter sich in Pleadings austrugen, als Gewinnerteam hervorgehen konnten.

Auch andere Pre-Moots waren Teil dieser Phase. Traditionell luden wir das Basler Team zu den „Freiburg Moot Classics“ nach Freiburg ein. Daran nahmen auch unsere ehemaligen Freiburger Mooties teil, wobei diese uns zeigten, wieviel an Argumentations- und Rhetorikfähigkeiten von der Teilnahme am Moot hängen bleibt, indem sie uns teilweise sogar in die Ecke argumentierten. Und das, obwohl wir es doch waren, die sich die letzten 4 Monate intensivst mit dem Moot-Fall auseinandergesetzt hatten.

Außerdem nahmen wir an den All Munich Rounds, ein Pre-Moot, der vom Münchner Team ausgerichtet wurde, und am Berliner Pre-Moot an der Humboldt Universität teil. Die gemeinsamen Reisen und Erlebnisse schweißten uns alle noch mehr zusammen, sodass wir Anfang März dem krönenden Abschluss entgegenstanden.

VI. Der krönende Abschluss

Bevor wir endlich aufbrachen zu unserer großen Reise, hatten wir zwei Tage frei, die einige von uns nutzen, um nochmal nach Hause zu fahren. Gemeinsam ging es dann von Frankfurt aus los. Mit Zwischenstopp in London waren wir nach einigen Stunden endlich im gerüchteumwobenen Hongkong angekommen.

Während der Zeit in Freiburg hatten wir von den Ehemaligen viele Geschichten und Gerüchte erzählt bekommen, vor allem über unsere Unterkunft – die Chungking Mansions. Die Chungking Mansions sind einfach irgendein Gebäude, sondern ein im Jahre 1961 erbautes Labyrinth aus Wohnungen, Hostels, Wechselstuben, Souvenirständen und indischen Restaurants, welchen sich über 5 Blöcke je 17 Stockwerke erstreckt. Es dauerte ein paar Tage, bis wir unseren Weg gefunden hatten, denn je nachdem welches Treppenhaus man nahm, kam man an gänzlich unterschiedlichen Stellen raus. Es war ein Gewusel und andauernd wurde man angesprochen – „Indian food? New mobile? Mobile chip? Haschhhh?“ In unseren Zimmern angekommen, stellten wir fest, dass wenn einer seinen Koffer aufmachen wollte, die anderen beiden Zimmermitbewohner auf dem Bett sitzen mussten. Zwar hatten wir wenig Platz, waren aber sehr froh über die unerwartete Sauberkeit.

Nachdem wir uns kurz ausgeruht hatten, gingen wir gemeinsam runter zum Pier, um uns die atemberaubende Skyline von Hongkong Island anzuschauen. Tausende von Lichtern in den unterschiedlichsten Farben strahlten uns entgegen und manche Gebäude gaben auch eine beeindruckende Lichtershow her. Um den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen, beschlossen wir uns in eines der indischen Restaurants im Labyrinth der Chungking Mansions zu trauen, welches unsere Coaches schon von ihrer eigenen Vis Moot Erfahrung in Hongkong vor drei Jahr kannten.

Am nächsten Tag stand noch ein letzter Pre-Moot an der von der Chinese University of Hongkong an, der von der ICC organisiert wurde und an dem wir unter anderem gegen das Team aus Yale antraten. Noch einmal das Feedback mitgenommen, ging es abends zur Welcome Party über dem Hafen von Hongkong auf einer Dachterrasse, die auch wieder einen unglaublichen Blick auf die Skyline ermöglichte. So konnten wir schon mal das ein oder andere Team kennen lernen oder Teams, die wir bereits kannten, wiedertreffen. Auch wurden wir mysteriöserweise gefragt, ob wir schon „die anderen Freiburger“ getroffen hätten, die uns suchen würden. Später mehr dazu.

Schon war der letzte Tag vor dem ersten Pleading gekommen. Die Wien-Sprecher nutzen die Zeit um sich die Stadt anzuschauen, während wir Hongkong-Sprecher nochmals von den Coaches vorbereitet wurden und den Schriftsatz der gegnerischen Uni lasen, um etwaige Überraschungen am nächsten Tag zu vermeiden. Am Abend ging es dann zur Official Welcome Reception und der Vis Moot East wurde eröffnet. Wieder kam eine Uni auf uns zu und fragte, ob die Freiburger uns gestern noch getroffen hätten. Wir, leicht verwirrt, spekulierten, wer es denn sein könne, und plötzlich standen sie vor uns – vier Ehemalige aus Freiburg! Und sie waren nicht allein, sondern hatten noch vier weitere dabei. Voller Freude über diese wahrhaftig gelungene Überraschung ließen wir den Abend gemeinsam ausklingen.

Angespannt vor dem ersten Pleading, vergingen die nächsten vier Tage wie im Flug. Gegen die National University of Singapore, Notre Dame aus Australien, Kabul University und UIBE Peking traten wir vier Hongkong-Sprecher an. Wir hatten jeweils zwei Pleadings, eins als Kläger und eins als Beklagter. Tagsüber hieß es immer noch einmal vorbereiten und abends fanden meist Veranstaltungen statt, die vor allem von den Wien-Sprechern bis spät in die Nacht besucht wurden. Oftmals waren wir abends mit den Ehemaligen essen und probierten uns so durch diverse Geschmäcke. Vegetarisches chinesisches und indischen Essen, sowie traditionelle „Dim Sum“ in einem ehemals mit einem Michelin Star ausgezeichneten Restaurant, aber auch ein traditionelles chinesisches Abendessen mit dem Team der Chinese University of Hongkong stand auf dem Programm. Bei dem traditionellen chinesischen Abendessen saßen wir alle an einem großen runden Tisch, das Essen in der Mitte und es kam immer mehr und immer neue Gerichte. Das Team der Chinese University brachte uns bei, wie wir die Stäbchen richtig benutzen und auch den ein oder anderen chinesischen Ausdruck.

Nach unserem letzten Pleading hatten wir die schleichend langen Stunden bis zur Kundgabe, welche Teams es in die Runde der besten 32 Teams geschafft hatten, zu überbrücken. Wir beschlossen, die Zeit zu nutzen und den Victoria Peak zu besteigen. Mit dem Bus hochgefahren, konnten wir den unglaublichen Blick über das Hochhausmeer sowie einsame Buchten genießen. Oben angekommen, hoch über dem Finanzdistrikt, wanderten wir einmal um den Peak.

Schnell duschen, wieder schick anziehen und ab in die Aula, während noch die Ergebnisse der letzten Pleadings zusammengezählt wurden, galt es, alle Mooties die gebannt auf die Ergebnisse warteten, zu beschäftigten. Gleich sollten wir erfahren ob wir es in die Final Rounds, die Runde der 32 besten Teams geschafften, hatten. Es wurde der sogenannte Moot Song vorgetragen und dann ging es los. Die Anspannung stieg, wir waren unsicher und rechneten fast nicht mehr damit, als plötzlich als dritte Uni die Universität Freiburg ausgerufen wurde. Wir konnten es kaum glauben, dass wir es eine Runde weiter geschafft hatten und am nächsten Tag gegen die National Chiao Tung University aus Taiwan antreten würden. Während unsere Wien-Sprecher den Einzug feiern gingen, stand den Hongkong-Sprechern ein Abend voller Arbeit bevor. Die Reden nochmal umschreiben, passende Sprichwörter überlegen, an der Einleitung feilen, Fälle raussuchen und alles durchgehen. Der Rat einiger Ehemaliger wurde für unser Schlussstatement eingeholt und dann mussten wir noch einmal genug Schlaf bekommen.

Aufgeregt vor unserem Pleading, bei dem wir recht viele Zuschauer hatten, ehemalige Mooties, sowie andere Unis, blendeten wir alles aus, sobald es losging. Überrascht, dass vom Tribunal keine Fragen kamen, konnten wir unsere Rede halten. Wir waren zwar zufrieden mit unserem Pleading, aber leider reicht es nicht ganz und Taiwan schaffte es eine Runde weiter. Für uns war der Wettbewerb in Hongkong zu Ende. Zeit genug, die letzten paar Tage in Hongkong noch zu genießen und die Stadt kennenzulernen. Somit ging es erstmal an den Strand.

Hongkong – bekannt für die Tempelanlagen und Märkte. Diese wollten wir am nächsten Tag entdecken. Wir besuchten ein altes Kloster mit einer wunderschönen Tempelanlage und schlenderten danach stundenlang über diverse Märkte – Blumenmarkt, Fischmarkt, Elektromarkt, Ladies’ market… und viele mehr. Am nächsten Tag wollten wir auch die umliegenden Inseln erkunden. Los ging es nach Lantau Island. Zuerst wollten wir uns den Tian Tan Buddha, auch Big Buddha genannt, anschauen, der mit einer Größe von 34m der größte seiner Art weltweit ist. Von weitem sah man ihn schon in den Berghängen sitzen. Vor Ort angekommen, mussten wir erstmal die 286 Stufen hinaufklettern, um ihn aus der Nähe begutachten zu können. Und was entdeckten wir? Ein großes Hakenkreuz prangte auf seiner Brust. Sichtlich verwundert und teilweise auch geschockt, fanden wir schnell heraus, dass dieses Symbol im Buddhismus Swastika genannt wird und als ein Zauber angesehen wird, der Glück bringt. Den Rest des Tages ließen wir gemütlich am Strand ausklingen, bevor wir am Abend noch den berühmt-berüchtigten Nightmarket besuchten, wo für jeden von uns eine Kleinigkeit als Erinnerung an die tolle Zeit dabei war.

Nicht zu vergessen ist natürlich auch die Fahrt mit der „Star Ferry“ vom Festland nach Hongkong Island – ein schwimmendes Stück Hongkonger Geschichte. Auf dieser fünfzehnminütigen Fahrt hatte man einen Blick auf die atemberaubende Skyline mit ihren Wolkenkratzern, die sich in den Dschungelhängen verlieren. Für nur umgerechnet 30 Cent ist sie sicherlich das günstigste Verkehrsmittel in Hongkong.

Nach 12 unglaublichen Tagen voller beeindruckender Erfahrungen, Eindrücke und neuen Bekanntschaften ging es direkt weiter nach Wien.

In Wien angekommen, bezogen wir zwei Wohnungen: eine für die Hongkong-Sprecher und die Ehemaligen und eine für die Wien-Sprecher und die Coaches. Wir hatten endlich wieder mehr Platz und es war vor allem leise. Wenn man die Tür zu machte, war auch wirklich Ruhe.

Nun wurden die Rollen getauscht. Während wir Hongkong-Sprecher jetzt Zeit hatten und die Stadt, Kaffeehäuser und Museen erkundeten und fast jeden Abend feiern gingen, hatten die Wien-Sprecher Probepleadings und arbeiteten an ihren Reden.

Die Eröffnung des 22. Vis Moots fand im Wiener Konzerthaus statt. Nach vielen Reden wurde auch der berüchtigte CISG-Song von Harry Flechtner, Professor an der University of Pittsburgh live aufgeführt. Zudem hatte er einen neuen, auf den Fall bezogenen Song gedichtet. Auf dem anschließenden Empfang trafen wir auf einige bekannte Gesichter aus Hongkong, aber auch auf andere, die wir bereits bei den Premoots in Deutschland kennengelernt hatten.

In den nächsten Tagen traten wir dann gegen Arizona State University, FGV Rio Law School, King’s College London und Helsinki an. Nach den Vorrunden, hatten wir uns wieder für die Finalrunden qualifiziert. Zuerst traten wir erfolgreich gegen MGIMO Moscow State University an und am nächsten Tag würde Helsinki erneut unser Gegner sein.

Einer alten Freiburger Moot-Tradition nach, gilt es für jedes Team ihren Coaches einen Streich zu spielen. Da der kommende Tag zufällig auch noch auf den ersten April fallen sollte, sahen wir zu guter Letzt unsere Zeit gekommen. Nachts wurde ein E-mailaccount erstellt. Die E-mailadresse glich der eines Organisators des Vis Moots. Zudem wurde eine E-mail kreiert, in der stand, dass zum einen die Positionen, in denen wir und Helsinki gegeneinander antreten sollten, getauscht wurden. Zum anderen sollte in unserer Jury ein unliebsamer Schiedsrichter sitzen. Unerwarteterweise lasen unsere Coaches die E-mail erst kurz vor dem Pleading. In der Aufregung trauten sie dem Inhalt der E-mail sofort und unser Streich war ein voller Erfolg.

Leider schieden wir gegen Helsinki aus. Somit waren wir jedoch in Hongkong und in Wien jeweils unter den besten 32 Teams gewesen. Zusammen gingen wir als Abschluss ein Schnitzel in dem wohl berühmtesten Restaurant Wiens essen – Figlmüller. Im Anschluss konnten wir noch die letzten Tage in Wien zusammen verbringen.

Insgesamt kehrten wir sehr erfolgreich und zufrieden nach Freiburg zurück. Im Gepäck hatten wir Honorable Mentions für drei unserer vier Schriftsätze. Vier Einzelsprecher wurden mit einer Honorable Mention ausgezeichnet. Sowohl in Hongkong, als auch in Wien konnten wir in die Final Rounds einziehen und bekamen so jeweils eine Teamauszeichnung. In Wien waren wir damit eine von drei Universitäten, die von insgesamt 300 Universitäten in allen vier Kategorien ausgezeichnet wurde. Last, but not least wurde Laura Fahrner in Wien zur besten Einzelsprecherin von ca. 1000 Sprechern gekürt.

VII. Danksagung

Wir möchten uns im Namen des gesamten Teams an dieser Stelle noch einmal bei unseren Coaches Carolin Fretschner und Franziska Härle für ihr großartiges Engagement und tägliche Unterstützung bedanken, sowie auch bei allen Ehemaligen, die uns immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben. Unser herzlicher Dank gilt auch unseren betreuenden Professoren Frau Meier und Herrn von Hein für ihre Unterstützung, Organisation, Zugang zu Büchern und Datenbanken. Zuletzt möchten wir unseren Sponsoren danken, ohne deren finanzielle Unterstützung vieles nicht in dieses Ausmaße möglich gewesen wäre, aber auch für die von ihnen organsierten Pleadings während unserer Vorbereitungsphase und hoffen, dass sie uns auch in den kommenden Jahren weiterhin unterstützen werden.

VIII. Resumé

Uns bleibt die Erinnerung an diesen fantastischen Wettbewerb – anderen noch die Möglichkeit zur Teilnahme. Der Willem C. Vis Moot Court bietet Studenten die optimale Möglichkeit, schon während des Studiums erste Praxis-Erfahrungen in einem internationalen Umfeld zu sammeln. Neben der praktischen und beruflichen Erfahrung und dem Kennenlernen von Studenten weltweit, bringt einen die Teilnahme auch persönlich weiter. Man lernt, mit Kritik besser umzugehen, im Team zusammen zu arbeiten und gemeinsam erfolgreich zu sein, sowie den Umgang auf dem internationalen Parkett. Auch die Gelegenheit‚ die eigene Universität in so breitem Kontext global zu vertreten, ist wohl einmalig.

Unser Fazit: Wir können die Teilnahme am Willem C. Vis Moot nur jedem empfehlen – Give it a try and Meet the Moot!

Weitere Informationen zum Willem C. Vis Moot Court gibt es auf der Moot-Court Homepage der Universität: http://www.jura.uni-freiburg.de/moot und auf der offiziellen Hompage des Willem C. Vis Moot: https://vismoot.pace.edu.



*Die Verfasserinnen studieren im vierten Semester Jura an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und haben beim letzten Vis Moot teilgenommen.