Letzte Etappe „Staatsexamen“ im Ländervergleich

Manuel Leidinger*

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In welchem Bundesland finden am häufigsten pro Jahr schriftliche Examensprüfungen statt? Wo hat man neben dem Freischuss noch die Möglichkeit zu einem Verbesserungsversuch? In welchen Bundesländern können die Examensprüfungen abgeschichtet werden? Dies und viele andere Informationen zu den Prüfungsmodalitäten beim Ersten Juristischen Staatsexamen in den verschiedenen Bundesländern findet Ihr in folgendem Artikel!

I. Anzahl der schriftlichen Prüfungstermine pro Jahr

Spätsommer 2015 – in einigen Bundesländern sind die schriftlichen Examensprüfungen bereits gelaufen, in anderen stehen sie unmittelbar bevor oder finden gerade statt. In den meisten Bundesländern sind zwei Termine pro Jahr die Regel. Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland bieten 3 oder mehr Prüfungstermine an. Spitzenreiter ist Nordrhein-Westfalen mit ganzen 10 Prüfungsterminen pro Jahr 1.

II. Anzahl der Examensklausuren

Bleiben wir beim schriftlichen Teil der Pflichtfachprüfung zum Ersten Juristischen Staatsexamen. In 14 von 16 Bundesländern müssen die Examenskandidaten sechs Klausuren – davon meistens drei im Zivilrecht, zwei im Öffentlichen Recht und eine im Strafrecht – schreiben. Nur Berlin und Brandenburg, die sich seit dem Staatsvertrag über die Errichtung eines Gemeinsamen Juristischen Prüfungsamtes von 2004 ein solches teilen, tanzen aus der Reihe. Die Prüflinge müssen innerhalb eines festen Zeitrahmens sieben Klausuren schreiben. Für Studierende mit einer Vorliebe für das Strafrecht sollte diese Hürde jedoch leicht zu meistern sein, denn darin kommt eine fünfstündige Klausur hinzu 2.

III. Freischuss und Verbesserungsversuch

Eine Frage, über welche unter den Jurastudenten schon ab den ersten Semestern wohl die absurdesten Gerüchte kursieren, sind die Regelungen zu Freischuss und Verbesserungsversuch.

In nahezu allen Bundesländern steht den Studierenden ein Freiversuch nach dem 8. Semester zu. In Hamburg ist dieser noch nach dem 9. Semester möglich. Wird die Prüfung im Rahmen des Freiversuchs nicht bestanden, gilt sie als nicht unternommen. Natürlich kann bei Bestehen des Freiversuchs ein weiterer Prüfungstermin noch zur Notenverbesserung genutzt werden. In Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Niedersachsen, Bremen, Sachsen, Sachsen-Anhalt wird den Studierenden jedoch zusätzlich noch ein Notenverbesserungsversuch eingeräumt, den sie bis zum Ende des 10. Semesters wahrnehmen können. In den anderen Bundesländern kann die Examensprüfung neben dem Freiversuch nur wiederholt werden, wenn sie nicht bestanden wurde 3.

IV. Abschichten

Wer nun als Jurastudierender aus Nordrhein-Westfalen neidisch auf seine Mitstreiter aus den genannten anderen Bundesländern hinüberschielt, muss bedenken, dass ihm die Möglichkeit zum Abschichten offen steht. Studierende aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen haben die Möglichkeit, die schriftlichen Prüfungen im Zivilrecht, im Öffentlichen Recht und im Strafrecht zu verschiedenen Zeitpunkten abzulegen. Die Anmeldung für die Abschichtung muss in Nordrhein-Westfalen (ab dem 5. Semester) bis zum 7. Semester erfolgen. Bis zum Ende des 8. Semesters muss man sich für alle Klausuren angemeldet haben 4. Auch in Niedersachsen ist das Abschichten bis zum 8. Semester möglich. Allerdings kann der jeweilige Examenskandidat seine Klausuren nur auf zwei Termine verteilen 5.

Eine spezielle Möglichkeit, seine Klausuren abzuschichten, besteht aber zum Beispiel auch im Rahmen des Mannheimer Modells in Baden-Württemberg. Der Bachelorstudiengang soll zunächst mit den Themenschwerpunkten Jura und BWL zum Unternehmensjuristen ausbilden. Während des Bachelorstudiums schreiben die Studierenden die schriftlichen Examensprüfungen im Zivilrecht. Nach dem Bachelor kann entweder ein beliebiger Master angehängt oder der zur vollständigen juristischen Staatsprüfung führende Ergänzungsstudiengang gewählt und die restlichen Klausuren der Staatsprüfung abgelegt werden.

Vorwürfen, dass das Mannheimer Modell vom Schwierigkeitsgrad her nicht den Staatsexamensprüfungen an den anderen Universitäten Baden-Württembergs entspreche, ist der VGH Baden-Württemberg kürzlich erst entgegengetreten und hat einen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz abgelehnt 6.

V. Gewichtung der mündlichen und schriftlichen Examensnote

Die Gewichtung des schriftlichen und mündlichen Teils der Pflichtfachprüfung bewegt sich in den meisten Bundesländern um die 70 % (schriftlich) gegenüber 30 % (mündlich). Im Vergleich legt man den größten Wert auf die mündliche Leistung (40 %) gegenüber der schriftlichen (60 %) in Nordrhein-Westfalen 7. Wer seine juristischen Kenntnisse rhetorisch gut zu präsentieren weiß, kann hier nach der mündlichen Prüfung noch einen großen Notensprung schaffen.

VI. Markierungen und Verweisungen im Gesetz

Ob Repetitoren, Professoren oder ehemalige bereits examinierte Studierende: Sie alle predigen bis zum Umfallen, dass für eine gute Klausurlösung im Grunde doch alles im Gesetz stehe und man nur richtig lesen müsse. Um diese Weisheit zu beherzigen, machen Studierende aus den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gerne von Marker und Bleistift Gebrauch, um wichtige Textstellen in ihren roten Bibeln zu markieren. In diesen Ländern sind Markierungen und Verweisungen im Gesetz zulässig. Die Regelungen im Einzelnen gehen jedoch weit auseinander. In Baden-Württemberg sind Verweisungen und Markierungen erlaubt, solange sie keine Codierung darstellen bzw. ein System erkennen lassen 8. In Niedersachsen sind Markierungen erlaubt, die Verweise sollen sich allerdings auf fünf pro Seite beschränken 9.

Falls Du nun schon dabei bist, dich von Deiner bisherigen Universität zu exmatrikulieren, um das Examen in einem anderen Bundesland abzulegen, möchten wir Dich daran erinnern, dass keine der vorgestellten Prüfungsmodalitäten durchweg als positiv oder negativ bewertet werden kann und jeder wohl seine eigenen subjektiven Erfahrungen mit ihnen macht. Egal wie gut oder schlecht die Prüfungsmodalitäten auf dem Weg zum Traumexamen für Dich sein mögen, auch Fleiß, Disziplin, Intelligenz und eine gute Portion Glück gehören dazu.

*Der Autor ist Student der Rechtswissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität im 8. Semester.

 


Fußnoten:

  1. http://www.juraexamen.info/juraexamen-in-deutschland-wo-ist-es-einfach-wo-ist-es-schwer-ein-landervergleich/ . vom 24. 8. 2015, 10.23
  2. https://www.rewi.hu-berlin.de/sp/2008/ejp/pruefung .vom 24. 8. 2015, 10:24
  3. http://www.juraexamen.info/juraexamen-in-deutschland-wo-ist-es-einfach-wo-ist-es-schwer-ein-landervergleich/ .vom 24. 8. 2015, 10: 24
  4. https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_text_anzeigen?v_id=2320031009101636983 #det301806 .vom 24. 8. 2015, 10:24
  5. http://www.juraexamen.info/juraexamen-in-deutschland-wo-ist-es-einfach-wo-ist-es-schwer-ein-landervergleich/ .vom 24. 8. 2015, 10:25
  6. http://www.lto.de/recht/studium-referendariat/s/vgh-mannheim-9-s-2309-13-mannheimer-modell-chancengleichheit-rechtmaessig/ .vom 24. 8. 2015, 10:28
  7. http://www.juraexamen.info/juraexamen-in-deutschland-wo-ist-es-einfach-wo-ist-es-schwer-ein-landervergleich/ .vom 24. 8. 2015, 10:28
  8. http://www.justiz-bw.de/pb/site/jum2/get/documents/jum1/JuM/JuM/Prüfungsamt/Hilfsmittel%20-%20Dezember%202013. .vom 24. 8. 2015, 10:28
  9. http://www.mj.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_ id=3760&article_id=122802&_psmand=13 .vom 24. 8. 2015, 10:28