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LL.M. in den USA - Teil IIvon ref. jur. Kai Werner, Duke University
In Fortführung meines Artikels zur Planung eines LL.M. in den USA* möchte ich hier einen Rückblick auf mein Jahr an der Duke Law School geben, die vielfältigen Eindrücke und Erlebnisse schildern, und schließlich den Schluss ziehen: Das sollte sich niemand entgehen lassen!
I. Best Time of My Life! Erklärtes Ziel des International Staff der Duke Law School ist es, uns das beste Jahr unseres Lebens zu bescheren, was dem sachlichen Deutschen in mir zunächst als etwas übertrieben erschien. Im Rückblick kann ich aber sagen, dass ihnen ziemlich genau das gelungen ist. Die Menschen hier verstehen es zu leben, und das färbt auf das Studium ab. Bei hohem fachlichem Niveau steht trotzdem immer der Mensch an erster Stelle, seine Ausgeglichenheit und sein Glück. Die amerikanischen Universitäten bieten alles, was man zum Glücklichsein braucht. Die überwältigenden Sportanlagen, vom Fitnesscenter bis zum Golfplatz, hatte ich bereits erwähnt. Hauptsächlich ist es wohl aber die Betreuung der Studenten, die das Studium hier so wunderbar macht. Jeder wird individuell nach seinen Fähigkeiten und Wünschen gefördert. Das gibt die Freiheit, das hervorragende fachliche Angebot zu nutzen, aber auch auf eigene Faust das Land zu erkunden. Die Mischung von beidem ist wohl das Ziel, welches es anzustreben gilt. Als Beispiel möchte ich ein Forschungspaper anführen, welches ich hier unter Betreuung von Professor James D. Cox, einem führenden Kapitalmarktrechtler, in Vorbereitung meiner Promotion angefertigt habe. Zunächst gab er mir bei Kaffee und Kuchen einige Themenvorschläge, die er in meinem Interessengebiet als besonders untersuchungswürdig hielt. Dann hatte ich aber vollständige Freiheit, das Paper auszuführen, mit der einzigen Bedingung: bis zur Spring Break musste es fertig sein, denn die ist zum Erholen da. Nach drei Tagen hatte ich dann das umfassend korrigierte Paper wieder in den Händen, begleitet von lobenden Worten, und der Gewährung der Credit Points. Hier kam nun das außergewöhnliche Angebot. Anstelle die Arbeit ad acta zu legen, unterbreitete der Professor mir weitere Forschungs- und Verbesserungsvorschläge, schickte mir wöchentlich neue Artikel und Gedanken, und motivierte mich so, mich der Arbeit immer wieder anzunehmen. Letztlich musste der arme Mann sechsmal meine Aufzeichnungen lesen und meine Gedanken sortieren, dazu kamen mehrere Treffen in Cafés, in denen es immer wieder nur um die eine Frage ging: Was könnte mir von Nutzen und Interesse sein. Bei dieser tollen Betreuung muss man aufpassen, nicht vollständig in die Forschung zu versinken, und sich darin zu verlaufen. Ebenso bot sich aber in anderen Bereichen auch die Möglichkeit, die Arbeit auf ein Minimum zu begrenzen, und die amerikanische Landschaft, Meer oder Berge vorzuziehen. Ein Kommilitone hat es geschafft, über 30 der amerikanischen Staaten zu bereisen, und dabei trotzdem keine der häufig veranstalteten Pool-Parties zu verpassen. Wurden die Reading Assignments zu viel, konnte man von dem Professor eine Zusammenfassung in Stichworten bekommen oder eine gekürzte Version. Die Studenten lernen wirklich aus Freude am Stoff, aus eigenem Interesse, und nicht aus Angst vor dem Examen. Vielleicht motiviert sie die hohe Gebühr, die es zu zahlen gilt. Ich halte aber wirklich die gute Aufarbeitung und Darstellung des Stoffes für ausschlaggebend, dass man sich voll ins Studium einbringt und darin aufgeht.
II. Lehrplan Der Master of Laws wird vornehmlich an ausländische Studenten verliehen, die bereits einen juristischen Universitätsabschluss haben. Als Aufbaustudium konzipiert, setzt er die Kenntnis juristischer Arbeitsweise gewissermaßen voraus und dient mehr der Vertiefung einzelner Interessengebiete, wie aber auch einer generellen Einführung in das US-amerikanische Recht. Duke ist eine sehr praxisorientierte Schule, bei der beispielsweise auf das Schreiben von Memos und Briefen großen Wert gelegt wird. Andere Schulen, allen voran Chicago und Yale, sind eher theoretisch ausgelegt. Sie legen stärkere Betonung auf die hinter dem Ergebnis stehenden Theorien und lehren weniger das praktische Handwerkszeug eines Anwalts im Berufsalltag. Bei allen Programmen ist man in der Wahl der Veranstaltungen sehr frei, kann Schwerpunkte setzen, beliebig viele zusätzliche Kurse wählen und oft auch an anderen Fakultäten Vorlesungen besuchen, die dann angerechnet werden. Für den angehenden Wirtschaftsjuristen besonders interessant sind sicherlich die wirtschaftswissenschaftlichen Veranstaltungen, bis hin zu der Überlegung, ob sich nicht die Investition in einen MBA lohnt. Der dauert zwei Jahre, bietet dafür aber auch völlig neue Einblicke und Qualifikationen. Meinen Studienplan habe ich folgendermaßen eingeteilt: Im ersten Semester besuchte ich vornehmlich einführende und allgemeine Veranstaltungen zum US-amerikanischen Recht und Übungen zum Case Law System. Im zweiten Semester belegte ich dann nur noch Vorlesungen zum Gesellschafts- und Kapitalmarktrecht und konzentrierte mich auf mein Independent Study Paper. Daneben blieb reichlich Zeit, Land und Leute kennenzulernen. Am interessantesten ist sicherlich die unterschiedliche Arbeitsweise in den USA. Auf der einen Seite ist das Studium viel stärker gelenkt und bis zu den Readings hin vorgegeben. Andererseits werden Eigeninitiativen viel stärker belohnt und unterstützt, sei es die Arbeit an einem Law Journal, Pro Bono oder einfach eigene Forschungsvorhaben. Jeder kann sich das Studium so gestalten, wie er möchte.
III. Cafés und Bibliotheken Ein völlig neuer Eindruck war für mich das Arbeiten in Cafés. Wo man auch hinkommt, überall sitzen Studenten, aufgereiht mit ihren MacBooks, bei Kaffee und Scones. Ein Großteil der Vorbereitung für die Vorlesungen besteht aus Reading Assignments, meist Lesen von Fällen. Das geht ebenso gut bei leiser Musik und guter Stimmung, weshalb bei Foster’s Coffee House meist mehr Juristen anzutreffen sind, als im Seminar. Erstaunlich fand ich dann aber wieder die Beobachtung des Soziallebens. Der Computer ist fast ausschließlicher Ansprechpartner, man sitzt sich praktisch gegenüber, kommuniziert aber per E-Mail. Wer dann das neue MacBook Air hat, ist König. (Wir leben mittlerweile in einer Oligarchie, die bald sogar demokratische Züge annehmen könnte… Rich kids.) Dennoch möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass wir nur in Cafés sitzen und Leute beobachten. Auch auf den vielen Grünflächen und in den herrlichen Blumengärten kann man vorzüglich vorgeben, tief in die Lektüre vertieft zu sein. Schließlich bleiben noch die hervorragend ausgestatteten Bibliotheken zu erwähnen, die das Lesen wirklich zur Leidenschaft und zum Genuss werden lassen. Man lernt aus Freude.
IV. Privatleben Zu bedenken bleibt, dass eine Fernbeziehung über den Ozean nicht einfach ist. Ich hatte das große Glück, dass meine Freundin ihren Arbeitsplatz nach Durham verlegen und ihre gesamten Semesterferien bei mir verbringen konnte. Andere sind mehrfach hin- und hergeflogen, was eher anstrengend war. Die Versuche einiger Kommilitonen, hier in den USA einen Partner fürs Leben zu finden, sind, soweit ich das übersehen kann, alle gescheitert. Bei den verheirateten ausländischen Studenten gibt es drei, bald vier, Geburten zu verzeichnen, bei denen die amerikanische Staatsbürgerschaft der Kinder sicherlich willkommenes Geschenk ist. Über das Graduation Weekend bekommen die meisten Besuch der stolzen Eltern und starten auf eine Erkundungsreise durch die Staaten. Ansonsten helfen Skype, E-Mails, Internetfernsehen.
V. Jobsuche Lernen kann man von den amerikanischen Studenten auf jeden Fall die gezielte Jobsuche, die auch von der Universität unterstützt wird. (Ob das wohl damit zusammenhängt, dass das Ranking davon abhängt, wie viele der Studenten in direktem Anschluss an das Studium eine Anstellung finden?) Jeder der es wollte hat bei uns ein Angebot bekommen, die anderen nutzten die Jobbörsen und Bewerbungskurse vornehmlich, um sich einen Überblick über den Markt zu verschaffen. Am eindrucksvollsten war dabei sicherlich bei Weitem die New York Job Fair. Im Januar wurden alle internationalen Studenten nach New York eingeflogen, um dort an einem großen Interviewprogramm der großen Kanzleien teilzunehmen, die Kontakte zu vertiefen, die zuvor bei zahlreichen Abendessen und Empfängen in den Universitätsstädten geknüpft worden waren und sich abends wiederum von noch großartigeren Empfängen und noch wilderen Partys beeindrucken zu lassen, sei es hoch über der Stadt auf dem Rockefeller Center oder in den Kellergewölben eines angesagten Clubs. Im Ergebnis haben wir einen hervorragenden Überblick über die verschiedenen Kanzleien und ihre Mentalitäten bekommen. Zudem halfen die Gespräche sehr bei der weiteren Planung meines Referendariats.
VI. Bar Exam Wem die Zeit des LL.M. zu schnell vergangen ist, der kann eine Verlängerung in Form des New York oder California Bar Exam in Erwägung ziehen. Ich habe beschlossen, mich der Masse der Studenten anzuschließen, die den Sommer über für die New Yorker Prüfung lernen. Der Kurs wird kommerziell angeboten, ein Repetitorium, das per Video nach Duke übertragen wird. Hier wird zum ersten Mal wieder richtig Leistung gefordert, man lernt von früh bis spät. Die Skripten und Übungen sind in der kurzen Zeit kaum zu schaffen, tieferes Verständnis unmöglich. Der Überblick ist aber gut, hauptsächlich weil ich zum ersten Mal gezwungen bin, mir die Fachsprache auch in den Nebengebieten des Rechts richtig klar vor Augen zu führen. Ob diese zusätzliche Prüfung der Mühe wert ist, lässt sich schwer sagen. Die meisten Anwälte und Professoren haben mir abgeraten und es ist wirklich eine stupide und langweilige Büffelei. Andererseits sehe ich erst jetzt einige Zusammenhänge richtig klar und verstehe auch, wie sehr sich das Recht in den einzelnen Staaten unterscheidet. So kann ein Fachbegriff in Staat A und Staat B eine völlig andere Bedeutung haben. Das schärft den Blick und die Vorsicht, wenn man es später mit englischen Texten zu tun bekommt. Den besten Rat zum Bar Exam hat mir ein Freiburger Professor erteilt, und ich möchte ihn so wörtlich weitergeben: „Nice to have. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben und sonst nach Hause kommen würden, bleiben sie noch dort. Der gemeinsame Sommer verbindet. Wenn die Alternative aber eine Reise durch Südamerika ist, wüsste ich, was ich mache.“ Aber wenn man erst mal im Lernen ist, wird die Zeit auch schön. Zuletzt gibt es noch eine iPod-Version des Kurses, mit der man die Videos in Deutschland hören kann. Was ich höre, fällt da aber die Motivation besonders schwer.
VII. Ergebnis Zusammenfassend zu dem Jahr Amerika kann ich nur sagen: Machen, machen, machen! Ich halte die guten Universitäten der USA immer noch für führend in der Juristenausbildung, auch wenn Cambridge und Oxford, oder auch Paris, durchaus Alternativen sind. Viele gehen heute nach Südafrika, Neuseeland oder Australien. Es gibt Sommerprogramme in Hongkong, Dubai und Tokio. Letztlich ist es eine Frage des eigenen Geschmacks, wo man das Jahr verbringen möchte. Herausspähen aus Deutschland sollte man aber auf jeden Fall. Das Leben in einem anderen Land bietet so viele Abenteuer und Erlebnisse, es bringt fachlich und menschlich so unendlich viel. Und es ist ein tolles Gefühl, nach dem Examen noch einmal richtig glücklich und frei zu sein. Die Arbeit kommt schon früh genug von selbst.
* Erschienen in Freilaw Ausgabe VI (2007) |
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