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Deutsche Studenten zieht es immer mehr nach Osteuropa

stud. jur. Kamil Glowatz, Universität Wroclaw, Polen

 

 

I. Willkommen in Breslau

Breslau – „Uni, Party und vor allem Reisen, Kultur und Freunde“ - von allem ein „bisschen“ aus dem Ausland wieder zurück nach Hause mitnehmen. So könnte ich meine Motivation für ein Jurastudium in Polen mit einfachen Worten beschreiben. Ein Studium jenseits der eigenen Landesgrenze ist durchaus empfehlenswert und zahlt sich zudem für viele Studenten aus. Daher entschied ich mich bereits bei Abgabe meiner ERASMUS-Bewerbung an der Universität Mannheim für ein einjähriges Studium in der polnischen Stadt Wroclaw (Breslau). Im Ausland warten häufig viele neue Erfahrungen und allem voran ein aufregendes Studentenleben auf die Studierenden. Die Vorteile eines Auslandsstudiums wie Befreiung von Studiengebühren, kostenlose Freizeitveranstaltungen und freie Eintritte in Diskotheken und Clubs mit Freigetränken wollen sich die meisten Studenten oft nicht nehmen lassen. Der trübe Studienalltag im Heimatland und die Trennung von Eltern und Freunden sind bei dem eng geknüpften Uni- und Freizeitplan schon nach wenigen Tagen schnell wieder vergessen. Rund 75.800 Studenten wagten im Jahr 2005 den Schritt über nationale Grenzen, vor zehn Jahren war es nur die Hälfte.

 

Ein Boom, der sich sicher nicht in den kommenden Jahren legen wird. Das Auslandsstudium ist attraktiv und mittlerweile für viele Studenten ein nicht mehr wegzudenkender Abschnitt im Lebenslauf. Deshalb ist das Studieren im Ausland neuerdings nicht nur bei den Studenten, sondern auch bei den meisten Betrieben sehr gern gesehen und vergrößert die Chancen einer beruflichen Karriere. Während für deutsche Studenten jahrelang die Vereinigten Staaten und Großbritannien zu den beliebtesten Auslandsplätzen gehörten, denken immer mehr Hochschüler über ein Auslandstudium in Osteuropa nach. So ist inzwischen beispielsweise das Studieren in Polen nicht mehr nur für Slawistikstudenten attraktiv. Tendenziell kann man dort jedes Fach studieren, ein Platz in einem Austauschprogramm sogar kurzfristig und ohne lange Wartelisten erhalten.

II. Das Jurastudium und Studentenleben in Breslau

Meine Entscheidung, in Polen zu studieren, habe ich bisher nicht bereut. Für mich ist diese Auslandsberührung kein Neuland mehr, da ich in dieser Stadt geboren bin und schon öfter dort meinen Urlaub verbracht habe. Zwar heißt „Hallo“ jetzt „czesc“, „Prost“ „na zdrowie“ und die Währung „Zloti“ statt „Euro“ aber mit der Verständigung hat es bisher trotz anfänglicher Sprachbarrieren immer gut geklappt. Ein paar Sätze auf Polnisch lernt man schon im zweiwöchigen Anfängerkurs, danach hat man im Semesterkurs zweimal die Woche Zeit, seine Kenntnisse zu erweitern. Schließlich helfen auch Englisch oder Deutsch über die Runden. Mittlerweile wird nämlich an der Universität Wroclaw nicht nur in der Heimatsprache, sondern auch vorwiegend in Englisch, Deutsch und Spanisch unterrichtet. Das verbessert meine Sprachkenntnisse nicht nur in Polnisch ungemein und manchmal bedaure ich, dass ich in Deutschland kaum Fremdsprachen spreche. Im Ausland dagegen stehen Veranstaltungen in Deutsch und Englisch auf dem täglichen Stundenplan.

 

Die Universitäten in Osteuropa bauen auf. Jahr für Jahr werden immer mehr Kurse für ausländische Studenten angeboten. Was die Kurse in Jura betrifft, sind vor allem Vorlesungen mit internationalem Charakter interessant. So werden beispielsweise Kurse in Europäischem Recht oder dem Recht der Vereinten Nationen angeboten. Aber auch Veranstaltungen über das polnische Recht werden von den ausländischen Studenten gern besucht. So erhält man eine Einführung in das polnische Verfassungsrecht, das Handelsrecht oder auch das polnische Zivilrecht. Zwar ähnelt das polnische Recht den deutschen Rechtsgrundzügen, dennoch gibt es manchmal bei einzelnen Abschnitten große Unterschiede. Besonders attraktiv sind auch nicht fachbezogene Veranstaltungen in Sozial- oder Wirtschaftswissenschaften. Die im Ausland besuchten Kurse können teilweise oder ganz in Deutschland angerechnet werden. Dafür sollte man sich rechtzeitig mit der Heimatfakultät in Verbindung setzen und nähre Informationen einholen.

 

Das Studiensystem in Polen ist dem deutschen sehr ähnlich. An den meisten Hochschulen gibt es aber keine Semester sondern das akademische Jahr, das sich wiederum in das Winter– und das Sommersemester unterteilt. Die Lebenskosten sind in Polen noch gering. Hat man ein Stipendium, entfallen die Studiengebühren an der jeweiligen Hochschule und Auslands-BAföG ist möglich. Das SOCRATES/ERASMUS-Programm erlässt nicht nur die Studiengebühren, sondern zahlt zusätzlich ein monatliches Stipendium von rund 75 Euro. Sprachkurse vor und während des Aufenthalts werden angeboten, ein Lernvertrag zwischen den beteiligten Hochschulen soll das nahtlose Weiterstudieren nach der Rückkehr ermöglichen.

III. Andere Länder, andere Sitten

 „Polnische Studenten müssen fleißig sein.“ Diese Behauptung hört man oft von deutschen Studenten, die schon einmal in Polen studiert hatten. Grundsätzlich wird in den Vorlesungen und Übungen die mündliche Mitarbeit begrüßt, es werden unangekündigte Klausuren geschrieben und oft herrscht Anwesenheitspflicht in den Veranstaltungen. Die Distanz zwischen Dozent und Student ist noch groß. Tatsächlich müssen beispielsweise Jurastudenten in Polen die wichtigsten Paragraphen eines Gesetzesbuches auswendig lernen. Auch wenn dieser Irrsinn, wo doch jeder Jurist ein Gesetzesbuch benutzen kann, auch noch in Deutschland zu hören ist, wird hierzulande niemand dazu verdonnert, irgendwelche Gesetze auswendig zu lernen. In den meisten Übungen der Hauptfächer Strafrecht, Zivilrecht und Öffentliches Recht werden Multiple-Choice Klausuren als Prüfungsalternative herangezogen. Somit wird sehr viel theoretisches Wissen verlangt, was die klassische Falllösung nach deutschem System zwar auch voraussetzt, jedoch bietet diese durch den „praktischen“ Aufbauteil der Klausur noch ein wenig Abwechslung.

 

Trotz der recht strengen Struktur in Polen bekommen ausländische Studenten von der „Härte“ des sturen Auswendiglernens meist nur wenig mit. In Kursen mit geringer Teilnehmerzahl entwickelt man schon nach wenigen Vorlesungen ein angenehmes Verhältnis zum Professor, den man jederzeit konsultieren kann. Entscheidet man sich jedoch dazu, polnische Veranstaltungen zu besuchen, erlebt man selbst die recht schnelle Entwicklung vom faulen und passiven Zuhörer zu einem engagierten und aktiv mitarbeitenden Student.

 

Sehr zu schätzen ist auch die Offenheit der Polen. Neue Kontakte zu knüpfen ist insbesondere zwischen ausländischen Studenten kein Problem und die Partys mit den gastfreundlichen Nachbarn machen einfach riesigen Spaß. Letztendlich ist das Jurastudium in Polen wegen seines nahen Bezugs zum Deutschen Recht und dem vielfältigen Angebot an Vorlesungen ein Auslandstudium in jedem Falle wert.

 
 

 

 

 

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