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Ein LL.M in EuropaDas Masterstudium am Europakolleg in Brügge von ref. jur. Julia Wambach, LL.M.
Mit meinem LL.M. am Europakolleg in Brügge habe ich im letzten Jahr einen eher ungewöhnlichen Schritt in meiner Ausbildung getan, indem ich zum Masterstudium nicht in die USA und auch nicht nach Großbritannien sondern nach Belgien gegangen bin. In diesem Beitrag möchte ich den LL.M. im Europarecht am Europakolleg Brügge vorstellen und meine Erfahrungen in einem multinationalen Umfeld in einer idyllischen belgischen Kleinstadt schildern. I. Warum Continental Europe und nicht die USA?Schon während der Examensvorbereitung war mir klar, dass ich nach dem ersten Staatsexamen nicht sofort ins Referendariat gehen möchte sondern vorher noch einen LL.M. machen möchte. Nun ging es natürlich darum, eine geeignete Hochschule für dieses Vorhaben zu finden. Hier war erst einmal zu überlegen in welche Richtung es geographisch und von den fachlichen Interessen her gehen sollte: USA, Australien/Neuseeland, Asien, Südamerika oder doch Europa? Die Entscheidung für Europa war hauptsächlich motiviert durch meine fachlichen Interessen. Mein LL.M. sollte im Bereich Europarecht liegen und nicht ein LL.M: im nationalen Recht z.B. der USA oder Englands sein. Auch sollte er möglichst den Schwerpunkt auf den Unterricht und nicht so sehr auf die Forschung, also die Masterarbeit legen.
II. Das Programm in Brügge und der erworbene AbschlussDas Europakolleg in Brügge bietet neben den Abschlüssen im Bereich Wirtschaft, Politik und Internationale Beziehungen vor allem auch das LL.M.-Programm im Europarecht an. Die Hochschule dort ist eine private Hochschule, die jedoch überwiegend von der EU-Kommission und den Regierungen der Mitgliedsstaaten finanziert wird. 1. Die KurseDas LL.M. Programm ist, wie die anderen dort angebotenen Studiengänge einjährig. Es beginnt im September und endet im Juni. Insgesamt sind 10 Kurse zu belegen. Im ersten Semester finden ausschließlich Pflichtkurse statt, bei denen die Wahl sich im Endeffekt auf die Sprache beschränkt. Hierzu ist ergänzend zu sagen, dass, obwohl sich das Europakolleg im flämischen Teil Belgiens befindet, die Unterrichtssprachen Englisch und Französisch sind. Im Law Department, wie die juristische Fakultät dort heißt, gilt die Regelung 60 % - 40%, es sind also mindestens 4 Kurse in der „schwächeren“ Sprache zu absolvieren. Im zweiten Semester finden nur noch 2 Pflichtkurse statt. Competition Law und wahlweise EU External Relations (Außenbeziehungen der EU) oder Droit de la Concurrence, Secteur public (Beihilfenrecht). Darüber hinaus belegt man 3 Seminare nach Wahl. In einem dieser Seminare wird die Masterarbeit geschrieben. Die Bandbreite der angebotenen Seminare ist enorm und umfasst sämtliche Bereiche des Gemeinschaftsrechts, so auch Umweltrecht, rechtliche Fragen der Immigration, WTO-Recht und vor allen Dingen aber sämtliche Aspekte des Wettbewerbsrechts. Meine Seminare waren EC social and employment law (kollektives Arbeitsrecht), Espace de liberté, sécurité et de justice (Immigration) und Droit des entreprises de réseau (Fragen der Liberalisierung der sog. Network Industries). In EC social and employment law habe ich meine Masterarbeit geschrieben. 2. Die ProfessorenDas Europakolleg hat kein festes Lehrkollegium. Einige der Dozenten sind Professoren anderer europäischer Universitäten, z.B. dem King’s College, oder der Universitäten Gent, Thessaloniki, Strasbourg, Aix-en-Provence. Andere arbeiten für die Europäische Kommission bzw. am EuGH. Vor allem im Bereich des Wettbewerbsrechts kommen die Dozenten meist aus den Brüsseler Großkanzleien. 3. Die PrüfungenAm Ende eines jeden Semesters gibt es Abschlussprüfungen in allen Fächern. Im zweiten Semester ist darüber hinaus die Masterarbeit mit 12.000-15.000 Wörtern anzufertigen. Diese wird dann im Rahmen einer mündlichen Prüfung verteidigt. 4. Der TitelDer nach Bestehen sämtlicher Prüfungen sowie der Masterarbeit erworbene Mastertitel trägt die Bezeichnung LL.M. in European legal studies. Er war lange Zeit von der belgischen Regierung nicht als Abschluss anerkannt, was für manche Studenten zum Problem in ihrem Heimatstaat wurde, jedoch wurde dies im letzten Jahr geändert, sodass der LL.M. nun ein anerkannter belgischer Titel ist.
III. Die MasterarbeitDie Masterarbeit ist, wie bereits erwähnt, in einem der im 2. Semester belegten Seminare anzufertigen. Sie soll 12.000-15.000 Wörter lang sein, was ca. 40 Seiten entspricht. Dies ist vom Umfang her nicht allzu viel, macht das Ganze aber nicht unbedingt leichter, da natürlich sehr viel mehr darauf geachtet werden muss nur das Wesentliche – nicht mehr und vor allen Dingen auch nicht weniger – zu Papier zu bringen. Meine Masterarbeit hat sich mit der Rechtsprechung des EuGH bezüglich des Konflikts zwischen Grundrechten und Grundfreiheiten im Gemeinschaftsrecht beschäftigt. Anfang 2007 hat der EuGH zwei viel beachtete Urteile zum Konflikt zwischen dem von ihm als solches bezeichneten Grundrecht auf Arbeitskampf und der Dienstleistungsfreiheit beziehungsweise Niederlassungsfreiheit veröffentlicht. Ich habe die Tragweite dieser Urteile, vor allem durch einen Vergleich mit älterer Rechtsprechung, insbesondere im Fall Schmidberger analysiert. Das Thema habe ich mit meiner Betreuerin im Januar, also zu Beginn des 2. Semesters abgesprochen. Während der gesamten Bearbeitungszeit bis zum Abgabetermin Anfang Mai hat sie dann auch regelmäßig Gesprächstermine angeboten, in denen man sich intensiv mit ihr über Inhalt und Struktur der Arbeit unterhalten konnte. Auch via e-mail konnte ich wichtige Fragen mit ihr abklären und hatte stets das Gefühl, dass Sie bei Ihren Antworten genau in das Problem eingearbeitet war.
IV. Das Leben in BrüggeBrügge – Wo ist das denn? Das habe nicht nur ich mich zu Anfang gefragt, das wurde ich auch regelmäßig von meinen Freunden gefragt, unmittelbar gefolgt von der Frage warum ich gerade dort studieren möchte. Dass es mir bei der Ortswahl überwiegend um die Hochschule ging, habe ich bereits erwähnt. Dennoch war auch das Leben in Brügge etwas Besonderes. 1. Die StadtDie Stadt – übrigens UNESCO Weltkulturerbe – muss man sich vorstellen wie frisch von der Leinwand der alten flandrischen Maler. Rote Backsteinhäuser, mittelalterliche Gassen mit Kopfsteinpflaster und Kanäle soweit das Auge reicht. Das Ganze wird ergänzt durch unzählige Schokoladengeschäfte, Pferdekutschen und Boote, allesamt jedoch ausschließlich zur Unterhaltung der Touristen bestimmt. Es kam also durchaus vor, dass die einzigen Geräusche, die während der Kurse von außen hereingedrungen sind, die Glocken des Belfrieds und das Hufgetrappel der Pferde waren. Genau wie im Mittelalter eben. 2. Das Leben am KollegNeben diesem eigenen Charme zeichnet sich das Besondere des Lebens in Brügge allerdings nicht durch ein übermäßig vielfältiges kulturelles Angebot oder andere Attraktionen (außer dem nahe nur 10 Minuten entfernten Meer vielleicht) aus. Nein, es ist vielmehr der „Mikrokosmos Europakolleg“, der dieses Jahr für mich so unglaublich bereichert hat. Pro Jahr studieren am Kolleg insgesamt ca. 300 Studenten aus etwa 50 verschiedenen Ländern. Alle kommen gleichzeitig an, haben den gemeinsamen Alltag, sind gleichermaßen von der hohen Arbeitsbelastung am Europakolleg betroffen und feiern die gleichen Partys zusammen. Es entwickelt sich sozusagen eine große Blase, die Kolleg-Blase, in der das Leben etwas anders abläuft als das der Brügger Bevölkerung. Wirklicher Kontakt zu den „locals“ entsteht (leider) nicht, wobei dies meiner Meinung nach auch daran liegt, dass Brügge extrem von Touristen frequentiert wird und die Brügger (Brüggelinge – wie sie sich nennen) froh sind, wenn sie unter sich sind. Die Studenten fallen aus ihrer Sicht wohl auch eher unter die Kategorie Touristen. 3. KonfliktpotentialNatürlich gilt es auch kulturelle Differenzen zu überwinden. Das Leben auf engstem Raum mit so vielen unterschiedlichen Menschen war nicht immer leicht. Dies geht bei der Definition von Ruhe in der Bibliothek los, die definitiv bei vielen von uns anderes lautete, als das z.B. in Spanien oder Italien der Fall zu sein schien. Auch in der residence war da natürlich Konfliktpotential vorhanden. Aber nach ein paar Wochen hatten wir uns alle so aneinander gewöhnt, dass viele Konfliktpunkte schlichtweg vergessen waren. Dann konnte man sich von seinen Kommilitonen in die Film- oder Musikkultur anderer Länder einweihen lassen und nicht selten auch in den Genuss des einen oder anderen Nationalgetränks, das frisch von zu Hause angekommen war, kommen.
V. Der European Law Moot CourtDie Teilnahme am European Law Moot Court, einem Moot Court der sich ausschließlich mit europarechtlichen Problemen befasst, ist etwas, das das Europakolleg seinen Jurastudenten als zusätzliche Aktivität anbietet. Da wir das Regionalfinale in Valencia gewonnen haben, wurde uns dann aber die größte aller Ehren im Europarecht zuteil, nämlich in Luxemburg im großen Sitzungssaal vor dem EuGH zu plädieren. Vor einem Gericht bestehend aus Richtern des EuGH, des Gerichts 1. Instanz und aus Generalanwälten durfte ich dann - stilecht in Robe – für die Beklagtenseite, den virtuellen EU-Mitgliedsstaat Aquatar zu Fragen des Vergaberechts und des Konflikts zwischen Grundrechten (Arbeitskampf) und Grundfreiheiten (Dienstleistungsfreiheit) im Recht der europäischen Gemeinschaften plädieren. Dass mein Team den Wettbewerb gewonnen hat habe ich erst realisiert, als der Präsident des EuGH uns die Trophäe überreicht und die Hände geschüttelt hat.
VI. RésuméObwohl das Jahr in Brügge anstrengender und arbeitsaufwändiger war als erwartet – und damit meine ich, dass es mit der Examensvorbereitung vergleichbar war – würde ich mich jederzeit wieder dafür entscheiden. Fachlich hat mich der Master in zweierlei Hinsicht weitergebracht. Natürlich habe ich fundierte Fachkenntnisse in vielen Bereichen des Europarechts erworben. Zum anderen habe ich aber auch aufgrund der Vielfalt der Kursgestaltung sowie durch den Moot Court nochmals neue Lehr- und Lernmethoden kennen gelernt, die mir bereits jetzt für die Vorbereitung auf das 2. Staatsexamen sehr hilfreich sind.
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