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Erfahrungsbericht einer thailändischen Studentin von stud. jur. Nanchaya Channarong, Universität Freiburg
Das Jurastudium in Deutschland ist eine harte Arbeit. Für ausländische StudentInnen ist es aber noch viel härter, da man nicht nur den komplexen juristischen Stoff zu erfassen hat, sondern auch die neue (deutsche) Sprache lernen und sich an die neue Kultur, Atmosphäre und Denkweise anpassen muss. Außerdem haben wir (zumindest ich) mit dem Heimweh zu kämpfen, da unsere Heimat fern liegt.
I. Die EntscheidungAls ich erfuhr, dass ich ein Stipendium für das Studium der Rechtswissenschaft in Deutschland bekomme, habe ich fast sofort zugesagt, da ich schon als Kind ein großes Interesse an der europäischen Geschichte und Kultur hatte und Deutschland, soweit ich weiß, immer eine große Rolle in der europäischen bzw. westlichen Historie gespielt hat. Deutsches Recht zu studieren und die deutsche Kultur erleben zu können sind daher sehr, sehr interessant. Ein anderer wichtiger Grund (wenn auch nicht der entscheidende) waren die besseren Arbeitsmöglichkeiten. Man hört häufig, dass man eine bessere Chance auf eine gute Arbeitsstelle hat, wenn man mit einem ausländischen Studienabschluss nach Thailand zurückkehrt. Trotz der Gründe, die für ein Studium in Deutschland sprachen, war die Entscheidung nicht ganz so einfach für mich, wenn ich daran dachte, dass das ganze Studium nicht nur eine Zeit von sechs Monaten oder einem Jahr betragen würde, sondern es sich um eine längere Zeit handeln würde, die ich nicht mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen könnte. Dazu kam die Tatsache, dass ich kein Wort Deutsch konnte und daher einen Deutschkurs und einen Studiumsvorbereitungskurs besuchen musste, was meine Studienzeit im Vergleich zu einem Studium in Thailand noch mal um zwei Jahre verlängern würde.
II. Sprache & Kultur kennen lernenAbgesehen davon, dass man im Alltagsleben Deutsch benutzen und verstehen muss, ist das Lernen der deutschen Sprache die erste notwendige Voraussetzung für ein Studium in Deutschland, zumal der Studiengang Rechtwissenschaft (mit dem Abschluss Staatsexamen) noch kein internationales Programm bietet. Meine Studiumsvorbereitung begann ich am Goethe-Institut in Göttingen. Das Interessante an diesem Ort für uns Thailänder ist, dass hier die thailändische Prinzessin Maha Chakri Sirindhorn gewohnt und selbst Deutschkurse besucht hat. In den Kursen am GI wurden wie in einer normalen Sprachschule die Grundlagen der Sprache, Grammatik, des Lesens, Schreibens und Sprechens vermittelt. Am GI lernte ich allerdings nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch andere Kulturen kennen, da die Kursteilnehmer aus vielen verschiedenen Kontinenten z.B. aus Amerika, Afrika, Asien und Australien kamen. Neben dem Sprachkurs wurden auch viele Exkursionen angeboten, die ich gern mitgemacht habe, um viele verschiedene deutsche Städte und ihre Geschichte kennen zu lernen, was, wie ich hoffte, auch für mein weiteres Studium eine Hilfe sein könnte. Um die deutsche Kultur und Sprache nicht nur theoretisch, also nur durch Bücher, kennen zu lernen, nahm ich an einem Programm teil, bei dem ausländische Studenten Weihnachten bei Gastfamilien verbringen. Glücklicherweise gab es in meiner Gastfamilie Juristen, ein Jurist der Familie hatte früher in Freiburg studiert und ein anderer studierte damals gerade zeitweilig dort. Das war das erste Mal, dass ich von der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Freiburg hörte. Hilfreich beim Erlernen der deutschen Sprache fand ich auch das berühmte Tandem-Programm. Da die thailändische Sprache aber nicht so beliebt ist, war das Finden des Tandempartners sehr schwierig. Fündig wurde ich, als ich wegen der Sehnsucht nach dem Großstadtleben zum Berliner Goethe Institut wechselte, da sich in Berlin einige Studenten mit Südostasien beschäftigten. Die Phase des Sprachlernens war für mich die bequemste Zeit. Man hatte viel Freizeit, konnte sich mit jedem Thema beschäftigen, dass einem gefiel. Entscheidend war nur, dass man das auf Deutsch macht. Allerdings sind in dieser Zeit auch einige Prüfungen, die Vorraussetzung für die Aufnahme am Studienkolleg sind, abzulegen, und zwar ZD (Zertifikat Deutsch) und ZMP ( Zentrale Mittelstufenprüfung), die wie eine normale Sprachprüfung in einen schriftlichen und mündlichen Teil aufgeteilt werden.
III. StudienkollegDa nicht jeder ausländische Schulabschluss dem deutschen Abitur gleichgestellt wird, reicht er nicht für eine Aufnahme zum Studium in Deutschland aus. Daher muss man zum Studienkolleg gehen, eine Einrichtung an vielen Universitäten und Fachhochschulen, dort ein Studienvorbereitungskurs machen und am Ende die sog. ,,Feststellungsprüfung’’ ablegen. Da die Freiburger Uni kein eigenes Studienkolleg hat, besuchte ich das Studienkolleg an der Uni Potsdam. Vom Studienkolleg werden verschiedene Vorbereitungskurse z.B. W-Kurs, T-Kurs, G-Kurs angeboten. An welchem Kurs man teilnehmen muss hängt davon ab, wo und welches Studium man danach aufnehmen möchte. Da ich Jura in Freiburg studieren wollte, war der W-Kurs (für wirtschafswissenschaftliche und juristische Studiengänge) zu besuchen. In meiner Klasse waren wir zwölf Schüler. Fast die Hälfte kam aus Vietnam, die anderen aus ganz verschiedenen Ländern, z.B. aus China, Tschechien, Türkei usw. Im W-Kurs lernten wir Volkswirtschaftlehre, Mathematik, Englisch oder Betriebswirtschaftslehre, Geschichte und Sozialkunde, Informatik und natürlich Deutsch als Fremdsprache (DaF). Da die Meisten (außer mir) VWL, BWL oder Management studieren wollten, beschäftigten wir uns im Fach DaF überwiegend mit wirtschaftswissenschaftlichen Fachbegriffen, was ich als unfair empfand, weil die Minderheit dadurch unberücksichtigt blieb. Obwohl die Ausbildung am Studienkolleg nur ein Jahr dauert, konnte ich große Unterschiede zwischen der Lerntradition an thailändischen Schulen und der in einem deutschen Studienkolleg ausmachen. Ein Unterschied ist der Status des Lehrers. In Thailand nehmen die Lehrer/innen Schülern gegenüber einen hohen Rang ein. Ihnen wird im Gegensatz zu den deutschen Lehrern viel mehr Achtung entgegen gebracht. Das liegt vielleicht daran, dass ein thailändischer Lehrer für einen Geber der Wissenschaft bzw. einen Schöpfer eines guten Menschen gehalten wird. Auch die Art und Weise des Lernens ist anders. Bei uns sind die SchülerInnen eher passiv, d.h. die Lehrer geben ihre Kenntnisse an die Schüler weiter und sind in der Regel (fast) allein im Unterricht aktiv. Die Diskussionen zwischen Lehrern und Schülern/innen finden selten statt, während die Diskussionen unter Schülern/innen öfter statt finden, aber auch nicht häufig sind. Von der soeben genannten Bedeutung der Lehrer abgesehen, ist möglicherweise die große Anzahl von Schülern/innen in einer Klasse ein Grund für die wenig aktive Rolle der Schüler. Während hier in Deutschland 25-30 Schüler/innen in einer Klasse (Studienkolleg sogar nur 12) zusammen sind, waren wir in meiner Klasse im Gymnasium fast 50. Ein weiterer bemerkenswerter aber nicht so wichtiger Unterschied ist die Schuluniform. Hier in Deutschland müssen Schüler keine Schuluniform tragen, während in Thailand jeder in einer staatlichen Schule Lernender eine Uniform zu tragen hat, was ich besser finde, da es meiner Meinung nach ein Zugehörigkeitsgefühl und Stolz auf seine Schule mit sich bringt.
IV. Rechtswissenschaft – Universität FreiburgNach dem Bestehen der Feststellungsprüfung im Schwerpunkt W konnte ich nun an einer Rechtswissenschaftlichen Fakultät in Deutschland studieren. Beworben habe ich mich für einen Studienplatz an der Uni Freiburg, der Uni Potsdam und noch zwei weiteren Universitäten. Am liebsten wollte ich natürlich an der Uni Freiburg studieren, weil die Juristische Fakultät in Freiburg einen guten Ruf hat. Obwohl ein guter Ruf natürlich keine Garantie für das beste Studium ist, ist er aber besonders für eine ausländische Studentin wie mich wichtig, da man, wenn man keine Ahnung von den deutschen Hochschulen hat und nach Deutschland zum Studieren kommt, sich natürlich zuerst die Uni-Rankings ansieht. Ein weiterer entscheidender Grund dafür ist die kleine aber lebendige Universitätsstadt Freiburg, die sowohl in der Nähe der Schweiz als auch von Frankreich liegt. Das Leben in einer solchen Stadt mit einer internationalen Atmosphäre wirkt sehr reizvoll. Trotz den 2 Jahren Vorbereitung saß ich in den ersten Vorlesungsstunden ahnungslos herum und versuchte zu verstehen, was die Professoren/innen und Kommilitonen gesagt hatten. Die deutsche Sprache an der Uni ist anders als am Goethe-Institut und am Studienkolleg, viel schwerer, vielleicht weil an der Sprachschule und dem Studienkolleg bewusst langsamer und mit einfacheren Begriffen unter bzw. mit den Ausländern gesprochen wurde. Meine sprachliche Schwierigkeit dauerte fast ein ganzes Semester lang. Jedoch habe ich bis zum heutigem Tag noch mein elektronisches Wörterbuch immer bei mir. Das einzige Defizit in dem Studium an der Fakultät der Freiburger Rechtswissenschaft ist meiner Meinung nach das Betreuungsangebot. Zwar werden allgemein viele Betreuungen für die ausländischen Studenten/innen sowohl von der Uni als auch von der Fakultät selbst angeboten, sie sind allerdings meistens nur auf die LL.M.- Studenten, Doktoranden sowie Erasmus-Studenten bzw. die Studenten des sonstigen Austauschprogramms gerichtet. Für die anderen ausländischen Studenten (z.B. die mit dem Studiengang Rechtwissenschaft mit dem Abschluss Staatsexamen) sind meines Erachtens die organisierten Betreuungsangebote sowohl im allgemein Studienlebensbereich als auch im fachlichen Studium zu gering, was dem gerade von mir vorgestellten Image der Uni mit internationaler Atmosphären schadet. Zumindest sollte eine Betreuung für das Anfangssemester angeboten werden.
V. SchlussbemerkungDa ich direkt nach dem Schulabschluss hierher kam und daher keine Erfahrung an einer thailändischen Universität habe, kann ich leider keinen Vergleich hinsichtlich des Studiums in Thailand und in Deutschland machen. Allerdings hoffe ich, dass dieser Erfahrungsbericht dem Leser zumindest ein klares Bild des Weges einer ausländischen Studentin zum rechtswissenschaftlichen Studium in Deutschland verschaffen konnte.
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