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LL.M. in den USAvon Kai Werner, Duke University
In der Flut von Artikeln, die über LL.M. – Programme in den juristischen Zeitschriften erscheinen, mag man schnell den Überblick verlieren. Ich möchte diesen Artikel nutzen, um zu beschreiben, wie ich persönlich mein Jahr Amerika gestaltet habe, und was ich dabei als besonders wichtig erachte. Möge es denen eine Hilfe sein, die nach mir gleiches wagen.
LL.M./ Dr. jur. Die erste Frage muss sicherlich lauten: Warum LL.M.? Im Gespräch mit Juristen wurde mir immer wieder deutlich, welch großen Wert Kanzleien und international agierende Unternehmen auf den LL.M. legen. Mehr noch geschätzt als der Dr. jur., auch wenn natürlich die Kombination beider das Beste ist. Dann kommt die Frage: „Wo?“ Hardliner antworten: „Nur das Original aus den USA zählt!“ Andere schimpfen über die hohen Kosten, und erachten den Abschluss aus England oder einem „spannenden“ Alternativland als gleichwertig. Einigkeit besteht, soweit ich das sehe, nur darin, dass ein LL.M. viel mehr zählt als ein Austauschjahr während des Studiums. Das kann allenfalls extra dazu kommen. Bedenken sollte man bei der Wahl des Landes, dass ein Jahr Studium die eigene Denkweise sehr prägt, und tiefe Einblicke in die (auch rechtliche) Kultur des Gastlandes bietet. Kenntnisse des Rechtsverständnisses in den USA sind dabei sicherlich in der heutigen Welt mehr als hilfreich. Nachdem nun klar ist, dass der LL.M. aus der Karriereplanung eines Juristen heute nicht mehr wegzudenken ist, aber auch schlicht Spaß macht und einmalige Erfahrungen und Eindrücke vermittelt, sollten die Reiseplanungen beginnen.
Der richtige Zeitpunkt Die Wahl des Zeitpunktes kann nicht sorgfältig genug getroffen werden. Im Wesentlichen bieten sich folgende vier Möglichkeiten an: (1) direkt nach dem ersten Examen, (2) etwa ein Jahr nach dem ersten Examen, (3) nach dem zweiten Examen oder (4) nach einigen Jahren im Beruf. Letztere Variante möchte ich hier ausklammern, da sie ohnehin nur in Frage kommt, wenn der Arbeitgeber sie anbietet. Man sollte aber im Hinterkopf behalten, dass der LL.M. in den USA grundsätzlich für Anwälte mit Berufserfahrung konzipiert ist, und die meisten Studenten – außer den Deutschen – sich den Traum Amerika erst nach einigen Jahren Arbeit erlauben (können). Viele kommen mit Familie, sind gestandene Persönlichkeiten. Gegen das Alter der Mitstudenten wiegt aber die Jugend der amerikanischen JDs auf, mit denen man dann im Ergebnis doch mehr zu tun hat, als mit dem Richter aus Venezuela. Damit bleibt der Streit, ob nach oder vor dem zweiten Examen. Setzt sich der Stoff, oder vergisst man ihn? Wann braucht man die Pause nötiger? Geht man nach dem zweiten noch, wenn das Jobangebot auf dem Tisch liegt? Vorteil des frühen Termins ist sicherlich der enge Kontakt zur Universität, der für Gutachten sehr hilfreich ist. Es lernt sich auch noch leichter, man ist Zuhören gewöhnt. Im Endeffekt kommt es wohl nur auf die persönliche Lebenssituation an. Mein Grund war dann schließlich, dass ich während des Studiums nicht im Ausland war, da musste das einfach mal wieder sein. Besonderheit meiner Zeitplanung war, dass ich mich während der Examensphase beworben habe, im Frühjahr Examen geschrieben habe, und direkt im August in den USA anfangen konnte. Der organisatorische Aufwand dieses Weges ist sehr groß, weshalb viele zunächst mit einer Promotion beginnen, und das Auslandsjahr in Ruhe planen. Dann kann man sich auch mit den Examensnoten bewerben, was die Chancen an den guten Universitäten sicherlich erhöht. Und es bleibt die Möglichkeit der Notenverbesserung. Risiko gegen Zeitverlust, ich würde zur frühzeitigen Bewerbung raten. Wenn das Prädikatsexamen und die Zulassung an einer Top-10-Uni dann klappen, kann man gleich loslegen. Man sollte sich des Zeitaufwandes und der Belastung aber bewusst sein, welche die Bewerbung mit sich bringt.
Die Bewerbung Ist der Zeitpunkt gewählt, beginnt die Bewerbungsphase, die vom Sprachtest bis zur Zulassung etwa ein Jahr in Anspruch nimmt, also im Sommer vor dem LL.M. begonnen werden sollte. Dabei ist es auch ohne Examensnote schon durchaus möglich, sich bei den Top-Unis zu bewerben. Ich habe mir auf der Top-10-Liste die schönsten ausgewählt und bekam dann Zusagen aus Duke und Cornell, Columbia wollte erst die Note, das war mir in der Planung zu knapp, war aber möglich. Die anderen haben abgelehnt, haben sich die Bewerbung ohne Examen gar nicht angesehen. Viel hängt sicherlich von den Gutachten ab, und von der Gestaltung der Bewerbung. Viel aber auch vom Typ, so komisch das klingt. Ich habe immer gedacht, dass ich mich an einer der Campus-Unis am wohlsten fühlen würde, und da passte es dann auch. Mein Rat also hier: Auf das Gefühl im Bauch hören. Was passt zu mir? Letztlich sollte das Lebensgefühl, und nicht das Ranking ausschlaggebend sein. Die Einblicke und sprachlichen Erfahrungen bieten alle Universitäten. Mit der Wahl einer Top-Uni bleibt in kritischen Momenten jedoch immer die Sicherheit zu wissen, dass es anderswo auch nicht besser ist.
Die Finanzierung Gleich mit der Bewerbung sollte die Finanzierungsfrage angegangen werden, denn ein Stipendium ist noch schwieriger zu bekommen, als ein begehrter Studienplatz. Auch hier steht und fällt die Bewerbung mit der persönlichen Gestaltung, das gewisse Etwas muss gefunden und präsentiert werden. Geld ist reichlich vorhanden, das Spektrum der Förderer ist breit. Die meisten Stipendien vergibt der DAAD, wenn auch in der Höhe der Studiengebührenbeihilfe begrenzt. Sie lassen sich mit anderen Stipendien kombinieren, sozusagen aufstocken. Fulbright, Rotary oder eine Wirtschaftsstiftung, aber auch die US-amerikanischen Universitäten vergeben Gegenstipendien oder reduzieren die Gebühren, um sich begehrte Studenten zu sichern. Nochmals: Auch das ist ohne Examensnote möglich. Nachteil eines Stipendiums ist, dass man sich auf eine bestimmte Universität festlegen muss, ein spontaner Wechsel in letzter Minute also nur noch schwer möglich ist. Das hängt damit zusammen, dass die Frage „Warum gerade diese Uni?“ zentral in dem Bewerbungsgespräch ist, und daher gut durchdacht sein sollte. Ehrgeiz ist die richtige Einstellung bei den Stipendien. Alles selbst zu finanzieren ist falsche Bescheidenheit, wer an eine gute Uni kommt ist auch ein attraktiver Stipendiat. Sollte dennoch Papa zahlen oder ein Kredit erwogen werden, so kosten die Programme alle um die US $ 40.000,- Gebühren plus die gute Hälfte noch mal drauf für das Leben. Die USA sind teuer, was aber eher an der Mentalität des „spend it now, safe later“ liegt, denn an den Preisen. Die sind bei dem starken Eurokurs vergleichsweise günstig. Um das Thema Geld abzuschließen empfehle ich noch die Eröffnung eines Kontos bei der Deutschen Bank, wegen deren Kooperation mit der Bank of America: An den ATMs kommt man gebührenfrei an cash. Vor Ort ist dann die Eröffnung eines hiesigen Kontos vollkommen unproblematisch, über das dann alle laufenden Geschäfte abgewickelt werden. Schecks schreiben, zum Beispiel.
Das LL.M.-Studium Das LL.M.-Studium ist ein neunmonatiges Programm, das für ausländische Juristen konzipiert ist, an der Duke University jedoch hervorragend in das amerikanische JD-Programm integriert ist. Das ist nicht überall so. Uns steht die volle Breite der Vorlesungen offen, viele davon auch an der renommierten Fuqua School of Business. 21 credits können auf die zwei Semester verteilt werden. Das bedeutet in etwa 4 Vorlesungen pro Semester. Der Arbeitsaufwand ist aber mit dem an einer deutschen Universität nicht zu vergleichen. Das Studium ist sehr verschult, tägliche reading assignments lassen die geplagten Studenten jammern, bis man merkt, dass oft auch ein Überfliegen der Texte genügt, denn alles wiederholt sich sehr oft. Das System, jedes Detail von Null auf zu erklären, und dann die Schritte stets zu wiederholen, erleichtert das Lernen unglaublich. Folgt man dem Zeit- und Lektüreplan, so bleibt das nötige Wissen ganz von selbst hängen. Die besten Vorlesungen sind auch sehr anspruchsvoll in der Vorbereitung, so lernt man unglaublich viel und effektiv. Die Denk- und Arbeitsweise unterscheidet sich stark vom deutschen Recht. Die Kurse sind sehr praxisorientiert und wenig wissenschaftlich verschult. Ziel ist es, dass jeder Laie alles verstehen kann, hat mir mein Professor erklärt. Während des Jahres entwickelt man die Fähigkeiten, wie ein amerikanischer Jurist zu arbeiten, Fälle zu analysieren, Memos zu schreiben. Es ist durchaus nicht nur ein teurer Englischkurs. Die Einblicke, die man bekommt, sind enorm. Besonders in meinem Interessengebiet, dem Kapitalmarktrecht, sind die US-amerikanischen Märkte dem europäischen Gesetzgeber um Jahre voraus. So eröffnen sich ungeahnte Forschungsmöglichkeiten. Sehr attraktiv ist auch, dass man ein „independent research paper“ in den LL.M. einbeziehen kann. Meine Empfehlung daher, sich schon vor der Abreise in Deutschland um ein Promotionsthema zu bemühen, dann kann die Thesis hier gut darauf abgestimmt werden. Andererseits ist es auch spannend, die Arbeit in Deutschland einfach zu vergessen, und hier voll in die andere Arbeitsweise zu versinken. Ich belege zum Beispiel ein kleines Seminar, bei dem im Garten des Professors abends bei Steaks oder Wein über den internationalen Schuldenabbau diskutiert wird. Einen sehr guten Einblick, wie das Studium in den USA gestaltet ist, bieten meines Erachtens die Kurse der Summer School an der Freiburger Fakultät. Der Negotiation-Workshop ist hier dann auf ein ganzes Semester verteilt und erfordert einige selbstständige Recherche, die Erlebnisse sind aber sehr ähnlich. Auch der Umfang der zu bearbeitenden Materialien wird bei den Kursen in Deutschland schon sehr anschaulich verdeutlicht.
Die Internationalität des Programms Ein ganz wichtiger Aspekt des Auslandsjahres sind sicherlich die Freundschaften, die man mit Juristen aus aller Welt knüpft. Zunächst sind da die netten Amerikaner, die immer freundlich und hilfsbereit sind. Besonders bei den internationalen Studenten bin ich mir aber sicher, dass die Kontakte noch lange nach dem gemeinsamen Jahr aufrecht erhalten bleiben. Jeder repräsentiert hier seine Kultur auf so vorbildliche Weise, dass wir schon jetzt Lust auf gegenseitige Besuche bekommen. Ein Zusammenhang besteht da sicherlich auch zu der Campus-Uni. Duke ist so überschaubar, dass man sich abends einfach auf den Sportanlagen oder in den Bars trifft. Sehr gut ist auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen den Fakultäten – es zählt gar nicht, was man studiert, man ist Dukie. Täglich erstaunt mich von neuem, wie viele spannende Persönlichkeiten es zu entdecken gibt, wenn der Blick erst einmal über den nationalen Tellerrand hinausgeht. Ein wunderbares Erlebnis!
Die Duke University Überaus zufrieden bin ich mit der Wahl der Universität. Duke ist eine Südstaaten-Uni, im Vergleich zu New York und Boston, und bei meiner Ankunft wird mir auch klar, warum die wissenschaftliche Entwicklung hier erst mit der Entdeckung der Klimaanlage eingesetzt hat. Ich erlebe einen Sommer mit über 40° C täglich. Teils ist es so heiß, dass das Atmen schwer fällt. Ab September setzt dann aber der Herbst ein, es wird kühler. Bei der Wahl des Ortes muss man sich im Klaren sein, dass ein Campus zwar alles bietet – vom Museum bis zum wunderbaren Golfplatz - man die Vorteile einer Großstadt aber misst. Mir ist das sehr recht, denn das Meer ist nicht weit, ebenso die Berge. Das Studium im Ausland erlaubt auch kleinere Reisen, mal ein langes Wochenende in den Flieger, einfach ausspannen. Am Anfang ist die schiere Bewältigung des Lebens ohnehin so anspruchsvoll, dass keine freie Minute bleibt. Wenn die anderen nicht genauso klagen würden, müsste ich mir Gedanken machen, wo die Tage geblieben sind. Möbel kaufen, Auto anmelden, Führerschein und Versicherung, Lebensmittelmärkte entdecken, die Stadt. Alles ist so anders, so ungewohnt, so weitläufig. Und der Arbeitsaufwand für die Universität ist auch nicht zu unterschätzen. Zwei Tage Golfen lassen sich aber trotzdem jede Woche unterbringen, der Platz ist einfach zu schön. Und dass man in Duke Basketball spielt, müsste auch klar sein. Die restliche Zeit wird gelesen, es gibt immer mehr assignments, als zu bewältigen wären. Gut, dass Duke so viele hide-away places mit tiefen Ledersesseln, Durham eindrucksvolle Cafés und jedes Wohnhaus einen Pool bietet, so dass beim Lesen wenigstens für Abwechslung im Umfeld gesorgt ist.
Jobsuche und New York Job Fair Ein Phänomen US-amerikanischer Universitäten ist die gezielte Jobsuche, die das dritte Jahr der hiesigen Studenten voll in Anspruch nimmt. Auch die LL.M.s werden mit einbezogen, Bewerbungsgespräche werden geschult, Lebensläufe gestaltet, Ansprechpartner vermittelt. Besonders als deutscher Student kann man sich vor Einladungen zum informellen Dinner oder Lunch kaum retten. Die geknüpften Kontakte sind zahl- und hilfreich, und die Einblicke in die unterschiedlichen Kanzleikulturen sehr aufschlussreich. Man muss nur aufpassen, dass man nicht überheblich wird, denn das Gefühl so umworben zu werden, ist einem deutschen Studenten doch eher fremd. Seinen Höhepunkt findet das alles auf dem New York Job Fair, wo im Januar LL.M.s mit Vertretern aller großen Kanzleien zum Gespräch zusammen kommen können. Auf die Erlebnisse und Erfahrungen, aber auch auf die berüchtigten Partys freuen wir uns jetzt schon.
New York Bar Exam In die Planung einzubeziehen ist sicherlich auch die Möglichkeit des New York Bar Exam, das innerhalb zweier Monate vorbereitet und dann in direktem Anschluss an den LL.M. abgelegt werden kann. Die Universitäten bereiten ausgezeichnet darauf vor, man muss nur den Kurs buchen, und dann fleißig lernen. Dies ist nicht jedermanns Sache direkt nach dem Studium, zumal die Durchfallquote recht hoch ist. Aber es ist schnell vorbei, und es später zu machen erfordert sicherlich einen noch größeren Aufwand. Besonders gern gesehen ist die Anwaltszulassung meiner Erfahrung nach bei den europäischen Institutionen, aber auch international agierende Kanzleien freuen sich über das Vorzeigeschild auf der Visitenkarte. Alles nur Show, denn in den USA vor Gericht auftreten wird man ohnehin nicht? Vorteil des Prüfungsstoffes ist, dass er die gesamten Grundlagenfächer des US-amerikanischen Rechts abdeckt. So konnte ich die Fächer meines LL.M. - Programms nach Interesse wählen, und bekomme dann komprimiert doch noch einen Überblick über das gesamte Rechtssystem. Eine durchaus gut investierte Zeit.
Weitere Lektüre Wenn dieser Artikel ein klein wenig Lust auf die USA gemacht hat – auch Kalifornien oder Neuengland sind phantastisch – dann sollte man nicht zögern und mit der Planung beginnen. Ein erster Blick in die „AZUR“ ist sicher ein Muss, halbjährlich erscheinend mit allen Basisinformationen, die man braucht. Kontakt aufnehmen sollte man auch zur Deutsch-Amerikanischen Juristen-Vereinigung (DAJV), die viele Materialien zur Verfügung stellen. Zögert zudem nicht, Anwälte und Professoren nach dem Niveau und Ruf verschiedener Universitäten zu fragen. Welcher Typ von Mensch welche Uni empfiehlt sagt viel über die Stimmung aus, die dort dann herrscht. Alles in allem sollte aber keine Panik aufkommen. Die Programme sind so gut organisiert, in den USA wird alles so verständlich erklärt, da kann gar nichts schief laufen.
Viel Spaß! Hört in Euch hinein, und lasst Euch die Chance nicht entgehen, die ein LL.M. bietet. Es ist eine so wunderbare Erfahrung, dass sie kein Jurist missen sollte. Besser kann das Jahr nach dem Examen einfach nicht verbracht werden!
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