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12 Personen liefern sich in einem stickigen Raum eine hitzige Diskussion über Schuld oder Unschuld eines Angeklagten. Ein charismatischer Staatsanwalt versucht eindringlich, die Geschworenen von seiner Auffassung zu überzeugen, unterbrochen nur von einem gelegentlich eingeworfenen „Einspruch“ des Verteidigers. Über all dem thront der Richter, der ab und an die Anwesenden zur Ordnung ruft, dessen Kommentare sich ansonsten aber auf ein einfaches „Einspruch abgelehnt“ oder „stattgegeben“ beschränken. So kennt man amerikanische Gerichtsverfahren aus zahllosen Filmen. Dagegen wirken Verfahren vor deutschen Gerichten meist nüchtern und analytisch. Doch wie kommt es, dass einfache Bürger gleich einem Richter über Schuld oder Unschuld eines Angeklagten entscheiden dürfen? Welche Befugnisse haben sie? Und worin liegt der Sinn, juristische Laien an der Rechtsfindung zu beteiligen? Dieser Artikel soll keine umfassende Darstellung oder abschließende Bewertung des jury trial bieten. Vielmehr soll mit dem Artikel ein kleiner Ein- und Überblick in eine dem deutschen Recht eher fremde Institution gegeben werden.
I. Bedeutung des jury trialDer Gedanke von Geschworenengerichten ist auch der deutschen Rechtsordnungen nicht gänzlich fremd. So sind z.B. in Strafsachen vor dem Amtsgericht Laienrichter (Schöffen) vorgesehen. Sie haben aber bei weitem nicht den Stellenwert, den sie in den USA einnehmen. Verfahren werden von professionell Richtern und Anwälten geleitet und entschieden. Laien findet man meist nur auf der Zeugenbank.
II. HintergrundDie Idee des jury trial basiert unter anderem auf dem Gedanken, dass es für einen Cowboy aus Wyoming inakzeptabel war, dass ein (wenn auch hochgebildeter) Richter, der vielleicht noch nie eine Kuh gesehen hatte, über einen Viehdiebstahl entscheiden sollte. Man wollte sich nicht einer abstrakten Entscheidungsinstanz unterwerfen, die nach landläufiger Meinung keine Ahnung von den regionalen Gegebenheiten vor Ort hatte.
III. VerfahrensablaufIst an einem Verfahren eine Jury beteiligt, nimmt sie eine zentrale Position ein. Die Bewertung der Beweise und Tatsachenvorträge auf Tauglichkeit und Glaubwürdigkeit erfolgt ausschließlich durch die Jury. Sie ist letztendlich auch für die Beantwortung der Schuldfrage zuständig. Die Entscheidung der Jury wird verdict genannt, und lautet entweder auf „schuldig“ oder „unschuldig“. Eine weitergehende Begründung unterbleibt. Einzige Bedingung ist, dass die Entscheidung durch eine qualifizierte Mehrheit von 10 der 12 Jurymitglieder getragen wird. Laien bekommen im amerikanischen System also eine Stellung, die denen professioneller Richter in den kontinental-europäischen Rechtsordnungen gleichsteht.1 Darüber hinaus obliegt es der Jury in manchen Bundesstaaten auch das Strafmaß festzulegen. In anderen entscheidet hierüber nach dem Schuldspruch der Jury der Richter.
IV. KontrolleIm Unterschied zum Europäischen Recht unterliegt die Jury – und damit die gesamte Tatsacheninstanz – im Prinzip keiner Kontrolle. Sie ist in ihrer Entscheidung und der Entscheidungsfindung völlige unabhängig.
V. VorteileTheoretisch soll der Umstand, dass Leute mit unterschiedlicher Herkunft und Hintergründen zusammen eine Jury bilden, dazu beitragen, die individuellen Vorurteile einzelner zu neutralisieren. Eine einzelne Person - und sei sie noch so gebildet und in der Materie geschult – kann nie wirklich objektiv sein. Hiergegen ließe sich zwar einwenden, dass dieses Ziel auch durch Verfahren vor Kammergerichten mit mehreren Richtern erreicht werden kann. Die finanzielle Komponente einmal außer acht gelassen, übersieht dieser Vorschlag aber, dass ein wichtiger Aspekt des jury trial gerade der Umstand ist, dass die Jurymitglieder aus allen Bevölkerungsschichten kommen können und die Jury einen Querschnitt der Gesellschaft darstellt. Erst die Kombination verschiedener Sichtweisen garantiert die Balance, die für eine gerechte Entscheidung nötig ist.3
VI. NachteileDer Einsatz von juristischen Laien birgt selbstverständlich auch Nachteile. Dass eine Jury allein anhand der vorgelegten Beweismitteln zu einer Entscheidung gelangt, bleibt in den meisten Fällen wohl reine Theorie. Ein Laie wird sich genau wie jeder andere Mensch von Erfahrungen, Klischees, Ansichten und Vorurteilen leiten lassen. Der Entscheidung eines Laien haftet auch schon deswegen immer etwas Willkürliches an, weil er sich gerade nicht von dem richterlichen Gebot geleitet sieht, ähnliche Fälle gleich zu beurteilen.4 Ob dieser Nachteil dadurch ausgeglichen wird, dass mehrere unterschiedlich geprägte Personen bei der Entscheidungsfindung zusammenwirken, lässt sich wohl nicht letztgültig beantworten. Insbesondere bleibt aber fraglich, ob der anvisierte gesellschaftliche Querschnitt wirklich in jeder Jury anzutreffen ist.
VII. FazitDas jury trial ist mit Sicherheit einer der faszinierendsten Aspekte in US-amerikanischen Gerichtsverfahren. Aufgrund der eingeschränkten Kontrollmöglichkeiten und dem Umstand, dass ein für eine demokratische Gesellschaft wichtiger und diffiziler Aufgabenkreis auf Laien übertragen wird, scheint eine kritischere Betrachtung aber wohl angebracht. Die Vorteile sind in der Theorie zwar durchaus überzeugend; es bleibt aber fraglich, ob sie in der Praxis wirklich voll zum tragen kommen können. Letztlich ist es wohl schlicht eine Sache des Vertrauens, ob man eher dem geschulten Einzelnen oder einer Gruppe von Laien zutraut, ein gerechtes Urteil zu finden.
1 Gerding, Marc – Trial by Jury, S.1. 2 Donald L .Carper / Bill W. West – Understanding the law (2004), S.120. 3 Donald L .Carper / Bill W. West – Understanding the law (2004), S.121. 4 Gerding, Marc – Trial by Jury, S.3. |
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