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Einmal Honkong Wien und zurück, bitte.

Willem C. Vis Moot Court 2006/07 – Teil 2 des Erfahrungsberichts

von stud. jur. David Tebel & Oliver Unger, Universität Freiburg

 

 

I. Moot macht mutig!

Frühmorgens aufstehen aus dem 1,70 m Bett im bröckeligen Guest-House, Überwerfen von Krawattenknoten und Kostüm, im Flur des Bank-of-America-Tower dem Harvard-Team ‚Good Morning’ zurufen, Pleading gegen eine australische Uni, Jizhou-Suppe im Gehen schlürfen, anschließend Stehempfang im alten Kolonialclub, später Party in der verrauchten Moot-Bar inmitten des Rotlichtviertels, ins Bett fallen, schlaftrunken Polizei-Razzia und Ausweiskontrolle, frühmorgens wieder aufstehen… ein ganz normaler Moot-Tag.

Anknüpfend an den Artikel in Ausgabe IV des 'Freiburg Law Students Journal' schildern wir im Folgenden die mündliche Vorbereitungsphase und die Finalrunden des Wettbewerbs in Hongkong und Wien.
Zunächst aber zur Frage aller Fragen: Was eigentlich ist ein „Moot Court“? Wörtlich übersetzt steht dieser Ausdruck für „simuliertes Gerichtsverfahren“. Diese Simulation ist beim Willem C. Vis Moot als größter Wettbewerb zwischen Jurastudenten weltweit ausgestaltet. Dieses Jahr nahmen 177 Teams aus 51 Ländern teil. Darunter befanden sich nicht nur international bekannte Universitäten wie die Harvard Law School oder die Columbia University of New York, sondern auch Exoten wie die Ateneo University von den Phillipinen oder die Baku State University aus Aserbaidschan. Diese Diversität macht zu einem großen Teil den Reiz des Moot Courts aus.
Die Universität Freiburg stellt seit dem ersten Moot 1992 und somit in diesem Jahr zum 14. Mal ein Team zur Teilnahme am Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot. Es wird seit Jahren betreut von Prof. Dr. Günter Hager, der neben seinem persönlichen Einsatz auch die Räumlichkeiten und die Arbeitskraft seiner Angestellten zur Verfügung stellt.

Im Oktober jeden Jahres stellt Prof. Eric E. Bergsten, Emeritus der Pace University of New York, einen Sachverhalt mit fiktivem Inhalt. Dieser Sachverhalt ist nicht etwa ein aus dem Studium bekannter „Klausursachverhalt“, sondern besteht aus Klageschrift, Verteidigungsschrift und einigen Beweisstücken wie Briefen oder Zeugenaussagen, aus denen die relevanten Informationen zunächst extrahiert werden müssen. Der Sachverhalt hat in prozessrechtlicher Hinsicht das Schiedsverfahrensrecht und in materiellrechtlicher Hinsicht das Internationale UN-Kaufrecht (Convention on Contracts for the International Sale of Goods, CISG) zum Gegenstand.
Konkret drehte sich der diesjährige Sachverhalt um Sicherungsverteiler-kästen, die eine Partei, eine große Baufirma mit Sitz in Equatoriana, von der anderen Partei, einem Hersteller von elektrischer Ausrüstung in Mediterraneo, gekauft hatte. Der Kaufvertrag enthielt eine Spezifikation des zu liefernden Sicherungstyps und darüber hinaus eine Schriftlichkeitsklausel, die sämtliche Vertragsänderungen erfasste. Wie nun so oft in der Praxis kümmerten sich die Parteien um diese Schriftlichkeitsklausel wenig und änderten den Typ der zu liefernden Sicherungen mündlich. Als die Verteilerkästen mit den mündlich vereinbarten Sicherungstypen angeschlossen werden sollten, verweigerte der lokale Stromversorger den Anschluss an das Stromnetz. Im Gegensatz zu dem ursprünglich vereinbarten Sicherungstyp genügten die gelieferten Sicherungen nicht den Sicherheitsanforderungen des Stromversorgers. Aus diesen Fakten ergaben sich drei Hauptfragen: Was war Inhalt des ursprünglichen Vertrages? Wurde der Vertrag wirksam geändert? Hätte der Käufer nicht rechtlich gegen die Weigerung des Stromversorgers vorgehen können? Hinzu kam ein prozessrechtliches Problem, das sich mit der Gültigkeit der im Vertrag enthaltenen Schiedsklausel beschäftigte.
Austragungsorte der mündlichen Verhandlungen waren eine asiatische und eine europäische Metropole: Hongkong und Wien.

 

II. Die Struktur des Wettbewerbs

Mancher fragt sich vielleicht: Warum eigentlich Hongkong und Wien? Das Außergewöhnliche am Willem C. Vis Moot ist, dass es keine nationalen Vorausscheidungen gibt. Austragungsort war von 1993 bis 2002 allein Wien. 2003 ist der East Moot in Hongkong hinzugekommen, wobei der Sachverhalt für Hongkong und Wien identisch ist. Darüber hinaus fahren viele Teams, die in Hongkong antreten, ebenfalls nach Wien. Allerdings ist der East Moot mit seinen 46 Teams im Vergleich zum Vienna Moot mit 177 teilnehmenden Universitäten deutlich kleiner. Der East Moot ist sozusagen die kleine Schwester des Vienna Moots.
Der Aufbau des Wettbewerbs ist in Hongkong und Wien fast gleich. Zunächst tritt jede Universität in den general rounds gegen vier andere Universitäten an. Ziel ist es, hier möglichst viele Punkte zu bekommen. In jedem Hearing vergeben die drei Schiedsrichter jeweils bis zu 50 Punkte für jeden der beiden Sprecher. Als Team sind somit maximal 300 Punkte zu erreichen.
Nach den general rounds werden die punktbesten Teams ausgewählt um die final rounds auszutragen. Während in Hongkong acht Teams weiterkommen, sind es in Wien 32 Teams. In den final rounds ändert sich der Modus des Wettbewerbs. Ab jetzt gelangt im KO-System immer das bessere Team in die nächste Runde. Dabei wird jedoch stets der höfliche und zurückhaltende Umgang gewahrt, der auch für wirkliche Schiedsverfahren als charakteristisch gilt.

 

III. Training für den Ernstfall

Um im mündlichen Teil des Moots zu bestehen, wurden wir ab Februar 2007 in die hohe Kunst des „Pleadens“ eingeführt. Im Moot-Deutsch ist „Pleaden“ [von engl. to plead – vor Gericht plädieren] der terminus technicus für die anwaltliche Präsentation vor dem Schiedsgericht. Im Rahmen des Moots findet diese Präsentation in Teams von je zwei Personen für die Kläger- und die Beklagtenseite statt. Der zeitliche Rahmen für den Vortrag einer Partei liegt bei etwa 20-30 Minuten. Innerhalb dieser Zeit gilt es das schiedsrichterliche Tribunal von der Rechtmäßigkeit des Handelns des eigenen Klienten zu überzeugen.

Für den Einstieg in diese Vorbereitung galt: Aller Anfang ist schwer. Rechtlich hatten wir den Fall durchdrungen, jedoch mussten wir dieses Wissen nun ansprechend darstellen. Die ersten Versuche, den Inhalt der 35-seitigen Schriftsätze mündlich zu präsentieren, scheiterten kläglich. Kein Wunder: schließlich hatte keiner von uns jemals ein anwaltliches Plädoyer gehört, geschweige denn gehalten. Hinzu kam, dass wir natürlich nicht auf Deutsch, sondern auf Englisch plädieren sollten. Unser größter Gegner jedoch sollte die Zeit werden. Wenn der Teampartner nicht peinlich genau auf die Einhaltung des Zeitlimits achtete, vergaß der Sprecher die Zeit vollkommen und das Tribunal beendete seinen Vortrag früher oder später abrupt – ein absolutes No-Go im Wettbewerb.
Doch wurden wir mit diesen Schwierigkeiten natürlich nicht allein gelassen. In erster Linie unsere beiden Coaches, Nils Schmidt-Ahrendts und Moritz Schmitt, aber auch ehemalige Teilnehmer der Freiburger Moot-Teams unterstützten uns in allabendlich stattfindenden „Probehearings“. Das Motivierendste war, dass man den Fortschritt, den wir machten, unmittelbar wahrnehmen konnte. Jedes Hearing kam dem Ziel, dass unsere Coaches sich und uns gesetzt hatten, ein kleines Stück näher.
Die nächste zu nehmende Hürde war, dass sich bei teaminternen Hearings die Argumentation schnell im Kreis drehte. Nach wenigen Tagen kannte man die Argumentation seiner Teamkollegen auswendig und hatte stets die entsprechenden Gegenargumente parat. Wie bereitet man sich aber am Besten darauf vor, gegen fremde Teams mit unbekannten Argumenten anzutreten? Ganz einfach: man tritt gegen andere Teams an. Glücklicherweise ist es eine Freiburger Tradition, sich mit den benachbarten Universitäten zu Probehearings zu treffen. Die Universitäten Basel und Tübingen besuchten uns im Rahmen der Mootvorbereitung. Aber auch zu der Victoria University of Wellington (Neuseeland) pflegt Freiburg eine freundschaftliche Beziehung. So machten die Neuseeländer auf ihrem mehrwöchigen Trip durch Europa auch in Freiburg Station um mit uns vier Tage lang zu trainieren. Der Austausch mit Wellington war besonders intensiv und beide Teams machten große Fortschritte in punkto Präsentationstechnik und in Sachen rechtliche Argumentation.

Als unsere Coaches schließlich befanden, unsere Präsentationen seien auf einem ausreichend hohen Niveau, wurden wir auf eine breitere Öffentlichkeit losgelassen. Dankenswerter Weise wird das Freiburger Team bereits seit Jahren von namhaften Wirtschaftskanzleien sowohl finanziell als auch durch Einladungen zu Probehearings unterstützt. Zu nennen sind hier die Kanzleien Freshfields Bruckhaus Deringer, Hengeler Mueller, Allen & Overy, Mayer Brown Rowe & Maw, Clifford Chance, CMS Hasche Sigle, Shearman & Sterling, Linklaters, Görg Berlin, Thümmel Schütze und Partner und Asche Stein & Glockemann. Unterstützung erfuhren wir jedoch auch durch den Deutschen Akademischen Austausch Dienst, die DAV-Anwaltsausbildung und die Universität Freiburg selbst. Die Veranstaltungen in Frankfurt, Stuttgart & Co. reichten von Kommunikationsworkshops mit mehreren Universitätsteams über teaminterne Hearings vor führenden Anwälten des Schiedsverfahrensrechts bis zu gemeinsamen Abendessen mit Partnern der Kanzleien. Durch das Pleaden vor „echten“ Anwälten gewann man neben den außerordentlich wertvollen Tipps zum anwaltlichen Auftreten eine Routine, die sich in Hongkong und Wien positiv auswirken sollte.
Doch nicht nur Kanzleien sondern auch Universitäten organisierten Veranstaltungen zur Vorbereitung auf die mündliche Phase des Moots. Wir wurden von der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen, an dem mit 19 Teams größten Pre-Moot in Deutschland teilzunehmen – den All-Munich-Rounds. Äußerst vorteilhaft war es hier, vor echten Schiedsrichtern sprechen zu können, von denen viele auch in Wien anwesend sein sollten. So konnte man einen ersten Eindruck von den Kriterien gewinnen, nach denen in Wien und Hongkong bewertet wird. Schnell wurde klar, dass die rechtliche Stichhaltigkeit der Argumente nur einer von mehreren Bewertungsfaktoren war. Entscheidend war vor allem die Überzeugungskraft der gesamten Präsentation.
Gerüstet mit dem Erfahrungen und dem Wissen, dass wir durch diese intensive Vorbereitung erlangt hatten, machten wir uns also auf den Weg nach Hongkong. Selbstverständlich durfte auch der Flug unsere Vorbereitungsphase nicht unterbrechen: Unsere Coaches sorgten mit eisernem Regime dafür, dass wir die Wartezeiten zwischen den Flugzeugen ebenfalls zu weiteren Probehearings nutzten. Ein Umstand der uns nicht nur befremdete Blicke der anderen Passagiere einhandelte, sondern uns sogar beinahe den Anschlussflug verpassen ließ.

 

IV. Hongkong – Das Tor nach Asien

Bereits zum vierten Mal richtete die Chinese University of Hongkong School of Law und der East Asia Branch des Chartered Institute of Arbitrators den Schiedsgerichtswettbewerb in der Handels- und Finanzmetropole Hongkong aus. Dabei handelt es sich um einen eigenständigen Wettbewerb mit Vorrunden und Finale, der jedoch zugleich den Auftakt für den deutlich größeren Wettbewerb in Wien darstellt.
Nach zwölfstündigem Flug landeten wir auf einem aufgeschütteten Eiland einige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums. Uns begegnete eine schwüle Dunstglocke, die sich über Land und Stadt legte und uns bis zum Abflug begleiten sollte. Übermüdet und von unbekannten Reizen überflutet schleppte sich unser Team zur vorgebuchten Unterkunft, die eine nähere Beschreibung verdient: In einem gelben Betonblock, wirr umgeben von Marktständen, Elektronikläden, Dampfreinigungen und Schneidereien, dicht bevölkert von Chinesen, Pakistani, Indern und Afrikanern befanden sich die berüchtigten Chungking Mansions. Im 15. Stock dieses Molochs befand sich unser Domizil. Zugegeben, es fiel nicht ganz leicht, sich an die abgewohnten Miniaturzimmer (und –betten), die engen Fluren und tiefen Decken und an das von der Straße heraufziehende Getöse zu gewöhnen. Übereinstimmend merkten wir jedoch vor unserer Abreise, dass gerade diese Erfahrung uns die Stadt Hongkong und das Leben auf ihren Straßen so nah gebracht hat wie keine Besichtigungstour es vermocht hätte.
Ohnehin verblieb zwischen Akklimatisation und Wettbewerbsbeginn nicht viel Zeit: Noch am Ankunftstag fanden die ersten Probehearings gegen die Humboldt-Universität zu Berlin und die National University of Juridical Science (Indien) statt. Am nächsten Tag wurde der Moot dann von offizieller Seite eingeläutet durch einen Stehempfang in dem holzvertäfelten und vornehm verspiegelten Club „JJ’s“ des Grand Hyatt Hotel. Bei Rotwein und Longdrinks knüpften wir erste Bekanntschaften mit den Teams, die uns in den nächsten drei Wochen begleiten sollten. Die Frau hinter dem East Moot, Louise Barrington, hieß alle Teilnehmer herzlich willkommen und wünschte eine erfolgreiche, persönlich bereichernde Zeit in Hongkong.
Am Folgetag begannen die Vorrunden, in denen das Freiburger Team gegen die Universitäten Monash (Australien), Chulalongkorn (Thailand), Amity (Indien) und Jodpur (Indien) antrat. Alle Hearings verliefen hart im Argument aber freundschaftlich im Umgang. Ohnehin ist es gute Moot Tradition, dass zwei Teams nach ihrem Hearing gemeinsam zu Mittag essen.

Von Seiten der Veranstalter wurde der Kontakt zwischen den teilnehmenden Universitäten durch eine Vielfalt von Social Events gefördert: So sah der Terminplan neben verschiedenen Cocktailempfängen, einem Fußballturnier auf dem Dach eines Hochhauses und einer für deutsche Verhältnisse gewöhnungsbedürftigen Karaoke-Veranstaltung auch einen Abend in einem auf Meerestiere spezialisierten Restaurant vor. Letztere Veranstaltung fand nicht in Hongkong selber statt sondern erforderte eine 60-minütige Barkenfahrt durch die Hongkong Bay zu einer vorgelagerten Insel. Vor allem die nächtliche Rückfahrt mit Panoramablick auf die erleuchtete Sky Line gehört zu den beeindruckendsten Erlebnissen in dieser Woche.
Die uns neben dem Wettbewerb verbleibende Zeit nutzten wir, um in den 10 Tagen möglichst viel von der Stadt zu sehen. An dieser Stelle können wir nur einige Attraktionen herausgreifen, so etwa ein nächtliches Pferderennen auf einem der größten Parcours der Welt inmitten der Stadt, den „Peak“ (ein Aussichtspunkt mit fantastischem Blick), Straßenmärkte und Suppenküchen, buddhistische Tempel oder Schwimmen an einem nahe gelegenen Sandstrand. Durchaus gewöhnungsbedürftig war die chinesische Küche mit ihren fremden Gewürzen, Zutaten und Zubereitungsart. Nicht verschwiegen werden soll auch, dass aus diesem Grund ein nicht kleiner Teil des Freiburger Teams - immerhin japanischen – Fast-Food-Ketten den Vorzug vor örtlichen Spezialitäten gab.
Natürlich standen neben Sightseeing am Tage auch Partys in der Nacht auf dem Programm (zumindest für diejenigen, die am nächsten Morgen nicht pleaden mussten). Zentrum des Hongkonger Moot-Nachtlebens ist die „Bridge Bar“. Dieser kleine Club wurde regelmäßig von den teilnehmenden Teams gesprengt, die für eine bombastische Stimmung sorgten.
Den feierlichen Abschluss des Wettbewerbs bildete ein großes Bankett im Hongkong-Club. Dieser exklusive Club wurde in der frühen britischen Besatzungszeit für Geschäftsleute, Wissenschaftler und Politiker der Kolonialzeit gegründet. Viel von dieser Atmosphäre besteht noch heute: Wir wurden durch hohe Eingangsportale und über dicke Teppiche geführt zu einem wirklich grandiosen Buffet. In diesem Rahmen verkündete Louise Barrington die Gewinner der awards für den mündlichen Teil und die Schriftsätze. Leider verpasste das Freiburger Team den Einzug ins Achtelfinale der mündlichen Präsentationen. Jedoch gewann unser Klägerschriftsatz den zweiten Platz und unser Beklagtenschriftsatz erhielt eine Honourable Mention.
Mit diesen awards im Gepäck verabschiedeten wir uns von den Teams der anderen Universitäten und begaben uns auf die Weiterreise nach Wien.

 

V. Wien – Die Kulturmetropole des Westens

In Wien angekommen benötigten wir einige Tage zur Rückgewöhnung an das west-europäische Klima und Umfeld. Das dortige kulturelle Angebot ist enorm und wir nutzten die Gelegenheit zu Besuchen im berühmten Burgtheater, der Staatsoper und zahlreichen Museen. Hervorhebung verdienen auch die alten Kaffeehäuser, durch die wir die Reisestrapazen bei Einspänner und Apfelstrudel zügig vergaßen. Übermäßig Zeit verblieb uns jedoch auch in Wien nicht: es standen von Kanzleien ausgerichtete Probehearings gegen die Harvard Law School (U.S.A.), Ottawa University (Kanada) und Victoria University of Melbourne (Australien) auf dem Programm. Die Anspannung vor diesem Wettbewerb, mit 177 teilnehmenden Universitäten weitaus größer als die kleine Schwester in Hongkong, war bei allen Teilnehmern deutlich spürbar.
Der Vienna Moot begann mit der großen Eröffnungsveranstaltung in der Wiener Stadthalle. Prof. Eric E. Bergsten, der vor 15 Jahren den Grundstein zu diesem Wettbewerb legte und noch heute Jahr für Jahr die akribische Vorbereitung und Leitung übernimmt, begrüßte 2.000 Studentinnen und Studenten aus der ganzen Welt mit seinen mittlerweile legendären Worten: „Every participant is a winner!“

In der Vorrunde traten wir gegen Dr. Ambedkar Law School (Indien), University College London (Großbritannien), Cornell University (U.S.A.) und University of Stellenbosch (Südafrika) an. Das Bangen um ein Weiterkommen in die Ausscheidungsrunden der besten 32 war groß, die Freude jedoch umso größer, als am Ende des vierten Wettbewerbstages vor den versammelten Teilnehmern „Freiburg University“ aufgerufen wurde. Mit dem Erreichen der Ausscheidungsrunden hatten wir das Ziel erreicht, das wir uns anfangs gesetzt hatten. Unseren Coaches und dem Team war bewusst, dass von nun an alles nur noch Bonus sein würde. Schnell getaktet und mit kurzen Pausen traten wir nun im KO-System gegen Loyola Law School Los Angeles (U.S.A.), University of Stockholm (Schweden), Victoria University of Wellington (Neuseeland) und University of Aarhus (Dänemark) an.
Wir merkten recht schnell, dass es in dieser Phase des Wettbewerbs nicht mehr ausreichte, eine gute, schlüssige, im Vorhinein präparierte Präsentation zu liefern. Entscheidend war es, sich von den antrainierten Argumentationsmustern zu lösen und flexibel und kreativ auf Fragen und Geschehnisse während des Hearings reagieren zu können. Letztlich war es wichtig, die große Linie des Falles darzustellen und aus der Vielzahl der im Vorfeld entwickelten Argumente das schlagende für die Position des Klienten im richtigen Zeitpunkt vorzubringen. 

Das Dachgeschoss der Wiener Juristischen Fakultät wurde so zum Schauplatz nervenaufreibender Verkündungen der Teams, die sich für die Endrunde qualifizierten. Die Freude (und Überraschung) war enorm, als es schließlich in der Bekanntgabe der Finalteilnehmer hieß „Zagreb and Freiburg“. Bis zum Finale blieb nur wenig Zeit, die wir für letzte Ratschläge der beiden Coaches nutzten. Schließlich fuhren wir zur Wiener Messehalle, in der das Finale schließlich gegen ein sehr gutes Team der University of Zagreb (Kroatien) und vor den Augen der übrigen Wettbewerbsteilnehmer und Schiedsrichter stattfand.
Die Verkündung der Ergebnisse erfolgte nach dem Abschlussbankett: Der Freiburger Klägerschriftsatz erhielt den Pieter Sanders Award für den besten Klägerschriftsatz im Wettbewerb, der Freiburger Beklagtenschriftsatz wurde mit dem Werner Melis Award für den besten Beklagtenschriftsatz im Wettbewerb ausgezeichnet. Auch die Jury der Finalrunde sah das Freiburger Team knapp vor Zagreb und verlieh uns den Frédéric Eisemann Award für die beste mündliche Präsentation im Wettbewerb. Mit diesem Erfolg hatte und konnte niemand rechnen. Dementsprechend fiel auch der Jubel im Team aus.
Auf der Bühne der Preisverleihung angelangt hatten wir die Möglichkeit, unseren Gegnern, insbesondere dem Zagreber Team, für die hervorragenden Hearings zu danken. Ein Dank ging auch an das Team der Universität Basel, die uns über den gesamten Wettbewerb hinweg begleitet und immer freundschaftlich unterstützt haben. Ferner konnten wir uns bedanken bei unseren Coaches, Nils Schmidt-Ahrends und Moritz Schmitt, ohne deren Einsatz ein solches Finale nicht vorstellbar gewesen wäre. Ein ganz besonderer Dank, den wir auch an dieser Stelle noch einmal wiederholen möchten, ging jedoch an Herrn Prof. Dr. Günter Hager, der uns in außerordentlicher Weise durch Rat und Tat zur Seite stand und auf den der Erfolg des Freiburger Teams in ganz entscheidendem Maße zurückgeht. 

 

VI. Résumé

Uns bleibt die Erinnerung an diesen fantastischen Wettbewerb – anderen noch die Möglichkeit zur Teilnahme. Der Willem C. Vis Moot Court ist die optimale Gelegenheit, bereits während des Studiums erste Praxis-Erfahrungen in internationalem Umfeld zu sammeln. Wer motiviert ist für die Arbeit in einem kleinen Team und sich auf Bekanntschaften mit Studenten aus allen fünf Kontinenten freut, dem können wir eine Teilnahme uneingeschränkt empfehlen. Die fachliche wie persönliche Bereicherung ist enorm. Auch die Gelegenheit, ‚seine’ Universität in so breitem Kontext global zu vertreten, ist wohl einmalig. Give it a try and ‚Meet the Moot’!

 

 

 

Weitere Informationen zum Willem C. Vis Moot Court gibt es auf der Moot-Court-Homepage der Universität Freiburg und auf der offiziellen Homepage Willem C. Vis Moot.