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Eine besondere Personalunion: der juristische Journalist

von Christian Deker, Universität Freiburg

 

 

Führt als Jurist nach der Ausbildung kein Weg an einer Tätigkeit als Anwalt, Richter oder Notar vorbei? Oft sind dies die einzigen „Auswege“, die man während des Studiums in Betracht zieht . Dass es – das nötige Interesse und Engagement vorausgesetzt – auch andere Möglichkeiten gibt, zeigt der Beitrag von Christian Deker. Er studiert Jura an der Universität Freiburg im Schwerpunktbereich Recht der Informationsgesellschaft. Vor seinem Jurastudium absolvierte er ein studium generale am Leibniz Kolleg Tübingen. Erfahrung im journalistischen Bereich sammelt er neben seinem Studium als freier Journalist und Autor.

 

Juristen und Journalisten verbindet eigentlich nur eins: Das „J“ am Anfang ihrer Berufs­bezeichnung. Journalisten müssen möglichst verständlich schreiben, Juristen sich möglichst kompliziert ausdrücken. Journalisten sollen auf Fremdwörter verzichten, Juristen haben eine eigene, unverständliche Sprache.

Man könnte also meinen, dass zwischen Juristen und Journalisten eine unüberwindbare Kluft existiert. In Wirklichkeit gehen aber erstaunlich viele Juristen in den Journalismus. Wolf von Lojewski, Heribert Prantl, Alfred Biolek, Ulrich Wickert, Claus Kleber, Herbert Riehl-Heyse, Ulrich Deppendorf und Heribert Faßbender. Alle sind sie Juristen, die früher oder später in Medienberufen gelandet sind.

Warum gehen ausgerechnet Juristen in den Journalismus? Was prädestiniert sie für den Medienberuf? Zunächst einmal natürlich das Fachwissen. Viele Tageszeitungen überlassen heutzutage die Gerichtsberichterstattung freien Mitarbeitern, die oftmals wenig Ahnung von der Juristerei haben. Jeden Tag kann man in Zeitungen, Fernsehnachrichten oder Radiofeatures peinliche Fehler finden: Aus einem Berufungsverfahren wird eine Revision, aus der Sicherungsverwahrung eine „Sicherheitsverwahrung“. Das sind grobe Schnitzer, die den Gerichtsreportern der alten Schule wie etwa Gerhard Mauz (Spiegel) oder Erwin Tochtermann (Süddeutsche Zeitung) nicht so leicht unterlaufen sind.

Man stelle sich nur vor, ein Sportreporter würde statt Elfmeter „Zwölfmeter“ sagen. Das Geschrei wäre groß (vergleiche nur „Schalke 05“!). Der Grund, warum bei der Gerichtsberichterstattung niemand schreit, liegt nahe: Der Durchschnittsleser und –Zuschauer hat von der Juristerei ebenso wenig Ahnung wie die meisten Redakteure.

Deshalb leisten sich nur noch die großen Medien Volljuristen als echte Fachredakteure, wie etwa die ARD (Karl-Dieter Möller), das ZDF (Bernhard Töpper), die Süd­deutsche Zeitung (Helmut Kerscher) oder die dpa (Wolfgang Janisch).

Die Hauptleistung des Juristen-Journalisten besteht darin, komplexe juristische Sachverhalte und Probleme in möglichst verständlicher Sprache wiederzugeben. Gerade Juristen haben aber oft Probleme, sich einfach und verständlich auszudrücken, wird ihnen im Studium doch eine Sprache antrainiert, die nichts mit journalistischer „Schreibe“ zu tun hat. Deshalb fällt es gerade Juristen oft schwer, einen guten journalistischen Stil zu entwickeln – das kann nur funktionieren, wenn man im Kopf einen Schalter „Jura - Journalismus“ hat, den man ständig umlegen kann.

Eine komplizierte BGH-Entscheidung in einfache und vor allem kurze Worte zu fassen, ist ohne Frage schwierig. Denn Juristen neigen nicht nur dazu, sich kompliziert auszudrücken, nein, sie wollen sich auch immer möglichst korrekt ausdrücken. Ein BGH-Urteil auf 40 Zeitungs-Zeilen in all seinen Entscheidungsgründen und Abwägungen darzustellen, ist ganz einfach unmöglich. Hier muss letztendlich der Jurist in der Personalunion zurückstecken und dem Journalisten den Vortritt gewähren: Die Verknappung geht öfters zu Lasten der juristischen, umfänglichen und detaillierten Richtigkeit.

Umgekehrt zieht der ausgebildete Jurist aus diesen Nachteilen auch Vorteile. Zum Beispiel ist er zu gewissenhaft, um Sachverhalte zu stark zu verkürzen, entscheidende Fakten zu unterschlagen oder gar Tatsachen (der Story wegen) zu verändern. Vielleicht kann der juristische Journalist auch Meldungen und deren Folgen besser einschätzen, da er im Studium gelernt hat, umfassend und strukturiert zu denken und über den Tellerrand hinaus zu schauen. Gerade im Journalismus ist es von großem Vorteil, wenn man sich in Stresssituationen schnell in unbekannte Thematiken einarbeiten kann. Juristen sollen ja auch das besonders gut können.

Ich selbst habe schon einige journalistische Erfahrungen sammeln können. Zuletzt in der Redaktion „Recht und Justiz“ des ZDF in Mainz. Dort habe ich vier Monate lang hospitiert und die tägliche Gerichtsberichterstattung im Fernsehen hautnah miterlebt und auch selbst mitgestalten können.

Die ZDF-Redaktion „Recht und Justiz“ übernimmt hauptsächlich die tagesaktuelle Berichterstattung vom Bundesverfassungsgericht und den obersten Bundesgerichten. Das bedeutet konkret, dass alle Nachrichtensendungen (Morgenmagazin, Mittagsmagazin, heute, heute-journal...) mit den Berichten über einzelne Verfahren und Urteile beliefert werden.

Daneben produziert die Redaktion das monatliche Magazin „Recht brisant“ auf 3sat. Die Redaktion um Redaktionsleiter Bernhard Töpper besteht aus drei fest angestellten Redakteuren sowie mehreren freien Mitarbeiter, alle sind Volljuristen.

Ich selbst wurde von Anfang an voll in die Arbeit eingebunden. Recherchieren, Drehen, Interviews führen, Texten, Schneiden, Vertonen – das sind die Arbeitsschritte beim Fernsehen. Die ersten Tage habe ich eher zugeschaut (und gestaunt), nach und nach durfte ich aber mehr machen, nach ein paar Wochen sogar eigenständig drehen, Interviews führen und schneiden.

Am meisten war ich erstaunt darüber, wie aufwändig es ist, Fernsehen zu machen. Allein für den Schnitt eines Nachrichtenbeitrag, der typischerweise 1:30 Minute lang ist, muss man allein für den Schnitt ein bis zwei Stunden Zeit einrechnen. Davon macht sich der Otto-Normal-Zuschauer keine Vorstellung, wenn die Nachrichten an ihm vorbeirauschen.

Auch die Besuche bei den Gerichten waren sehr spannend. So war ich zum Beispiel am Bundesverfassungsgericht in Sachen Nebeneinkünfte Bundestags-Abgeordneten, Haushaltsklage Berlin und Ballungsraumzulage für Beamte. Am BGH berichteten wir unter anderem über die Strafverfahren Motassadeq und Kanther – und drei Mal durfte ich den „Prachtbau“ des Bundessozialgerichts in Kassel besuchen.

Die „Einsätze“ waren zum Teil sehr stressig, besonders dann, wenn wir von der SNG aus („Satellite News Gathering“, ein mobiler Schnitt- und Ü-Wagen) alle Nachrichtensendungen inklusive Morgen- und Mittagsmagazin beliefern mussten. Aber gerade der zeitliche Druck macht in meinen Augen den Reiz des Jobs aus: Das Adrenalin verschafft einem einen grandiosen Kick; und wenn die Beiträge gesendet wurden, ist alles vorbei und man hat den Kopf wieder frei für neue Dinge.

Die Job-Situation ist im Journalismus ähnlich katastrophal wie in den klassischen Juristen-Berufen – wenn nicht noch schlechter. Feste Anstellungen sind äußerst rar, es läuft sehr viel über freie Mitarbeit. Dazu kommt, dass man nach dem Ende des Studiums eigentlich nur dann eine Chance auf einen Job hat, wenn man schon während des Studiums sehr viel journalistisch gearbeitet hat und entsprechende Praktika und Arbeitsproben vorweisen kann. Und selbst einen Praktikumsplatz zu erhalten, ist sehr schwer; man muss wieder Praktika, Erfahrungen und Arbeitsproben vorweisen können.

Dennoch ist der Journalismus ein ganz wunderbares Berufsfeld, in dem ich mein Glück versuchen werde. Für den Traumberuf muss man eben einiges wagen. Und wenn das gar nicht klappen sollte, habe ich ja immer noch ein Jurastudium in der Tasche.