Praktische Erfahrung im Jurastudium? Die universitäre Ausbildung ist bekanntermaßen gerade in den Rechtswissenschaften äußerst theorielastig. Jedoch gibt es bei genauerem Hinsehen eine Vielzahl von Möglichkeiten, praktische Erfahrung zusammeln. Die beste Möglichkeit, neben den Pflichtpraktika, ist die Teilnahme an einem Moot Court. Ein Moot Court ist ein simuliertes Gerichtsverfahren in Form eines Wettbewerbs. Der größte und bekannteste ist der seit 14 Jahren stattfindende Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot. Die Universität Freiburg ist seit dem ersten Jahr dabei.
So wurden im Sommer 2006 wieder interessierte Jurastudenten gesucht, die für ein Semester die Bibliothek mit dem Leben eines international tätigen Anwalts tauschen wollten. Im Folgenden wollen wir als diesjährige „Mooties“ unsere bisherigen Eindrücke und Erfahrungen festhalten.
Doch zunächst zum Willem C. Vis Moot an sich. Der Willem C. Vis Moot ist mit über 170 teilnehmenden Teams von allen Kontinenten einer der wichtigsten und prestigeträchtigsten Hochschulwettbewerbe. Er findet in englischer Sprache statt und wird von der Pace University New York organisiert. Diese veröffentlicht Anfang Oktober einen fiktiven Sachverhalt mit Rechtsproblemen aus den Bereichen des UN-Kaufrechts und des internationalen Schiedsverfahrensrechts.
Der Wettbewerb gliedert sich in drei Phasen. Von Anfang Oktober bis Ende Januar verfassen die teilnehmenden Teams zwei Schriftsätze für die Kläger- und die Beklagtenseite. Im Anschluss beginnt ein intensives, videounterstütztes Rhetoriktraining in Zusammenarbeit mit namhaften Anwälten internationaler Kanzleien. Die mündlichen Verhandlungen in Hongkong und Wien, der Höhepunkt des Wettbewerbs, finden in den Wochen vor Ostern statt. Die Universitäten treten dabei vor einem internationalen Tribunal aus Richtern, Professoren und Anwälten gegeneinander an. Prämiert werden die besten Schriftsätze, die besten Einzelsprecher und vor allem das beste Team.
Die Teilnahme der sehr erfolgreichen Freiburger Teams wurde stets durch Prof. Dr. Günter Hager, Direktor des Instituts für Ausländisches und Internationales Privatrecht Abt. I, organisiert und betreut. Dabei steht er dem Moot-Team jedes Jahr nicht nur mit Räumlichkeiten und Mitteln seines Instituts sondern auch mit Rat und Tat zur Seite..
Soweit die Theorie. Doch wie sieht das tatsächlich für einen Jurastudent aus Freiburg aus?
Zunächst einmal galt es für uns das Bewerbungsverfahren im Sommer hinter sich zu bringen. Vom Gespräch auf Englisch, über einen vorbereiteten zehnminütigen Vortrag auf Deutsch, bis hin zur ersten simulierten Verhandlung war alles dabei. Zwar wirkte diese Fülle an Aufgaben zunächst etwas abschreckend, jedoch wurde schnell klar, dass das Verfahren auch sehr lehrreich war. Es ist darauf ausgelegt, auch Bewerbern, die es vielleicht am Schluss doch nicht ins Team schaffen, Einblicke ins UN-Kaufrecht zu vermitteln und sie in sicherem Umfeld mit der noch recht unbekannten Situation einer Bewerbung vertraut zu machen.
Dieses Jahr wurden wir Neun aus circa vierzig Bewerbern ausgewählt. Sieben von uns sind im dritten Semester, zwei haben bereits erfolgreich das erste juristische Staatsexamen absolviert. Das zeigt, dass es keineswegs eine zwingende Voraussetzung für die Teilnahme ist, im Studium schon möglichst weit fortgeschritten zu sein. Beim UN-Kaufrecht und internationalen Schiedsverfahrensrecht handelt es sich um Rechtsgebiete, die in der normalen juristischen Ausbildung kaum vorkommen. So bedurften wir alle gleichermaßen einer gewissen Einführung und Einarbeitungszeit.
Hierfür hatten wir den Sommer über Zeit, parallel zu den anstehenden Hausarbeiten und Praktika. Zwei Wochen vor dem Ende der Semesterferien ging es dann los.
Nun waren wir alle also offiziell „Mooties“. Wir hatten das Problem vor uns liegen, den Kopf angefüllt mit Wissen – aber wie das richtig und vor allem überzeugend zu Papier bringen?
Hier kamen die beiden Coaches Nils Schmidt-Ahrends und Moritz Schmitt ins Spiel. Sie haben von Anfang an nicht nur versucht, uns dabei zu helfen einen möglichst guten Schriftsatz abzugeben, sondern stets auch darauf geachtet, dass aus uns Neun nicht lauter Einzelkämpfer werden. Die Ansage war von Anfang an klar: Wir sollten als Team ins Ziel kommen. Das war nicht immer leicht, denn es trafen hier viele sehr verschiedene Persönlichkeiten und Arbeitsweisen aufeinander. Doch unseren Coaches gelang es vortrefflich diese zu kombinieren und auszugleichen, so dass aus uns ein rundes Team wurde.
Wie viel Arbeit das Verfassen eines solchen Schriftsatzes nun tatsächlich ist, dass wir teilweise bis in die frühen Morgenstunden in den immer vertrauter werdendem Räumen des Peterhofs saßen und uns fragten ob wir nicht der Einfachheit halber doch gleich ganz hier einziehen sollten – das alles spielt im Nachhinein keine Rolle mehr. Richten wir unser Augenmerk lieber auf das stolze Endergebnis: nach 12 Wochen harter Arbeit liegen sie vor uns: Vier Schriftsätze, von denen zwei nach Hongkong und zwei nach Wien geschickt wurden; je einer für die Kläger- und einer für die Beklagtenseite.
Herzlich bedanken möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich bei Prof. Dr. Günter Hager, der uns mit seinen ausführlichen Besprechungen des Falles unterstützte, sowie bei der Freiburger „Moot-Familie“, bestehend aus ehemaligen „Mooties“, die uns durch wöchentliche Korrekturen immens weiterbrachte!
Soweit die Vergangenheit - was liegt noch vor uns? Die nächsten anderthalb Monate werden wir damit verbringen, in die hohe Kunst des „Pleading“ eingeführt zu werden. „Pleading“ ist die mündliche Verhandlung vor einem Gericht. Da keiner von uns bis jetzt dazu Gelegenheit hatte, eine Partei vor Gericht zu vertreten, betreten wir alle komplettes Neuland. Das wird die Sache zwar nicht einfacher, aber dafür umso interessanter machen. Wir werden allgemeine Präsentationstechniken erlernen und hoffentlich die Fähigkeit erlangen auch den schwierigsten Schiedsrichter zu überzeugen. Wieder werden wir hier von ehemaligen Freiburger „Mooties“ unterstützt, die sich uns als Probe-Schiedsrichter zur Verfügung stellen.
Durch diese allabendlichen „Pleadings“ werden wir dann bald ein genaueres Bild von dem Ziel unserer Arbeit haben: Von den finalen Verhandlungen in Hongkong und Wien. Hier gilt es dann, das gelernte praktisch anzuwenden und unsere neuen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.
Aber auch der soziale Aspekt des Moots wird nicht zu kurz kommen. Die sich hier bietende Gelegenheit, Studenten aus aller Welt kennen zulernen, wird von uns ausgiebig genutzt werden. So ist es üblich, nach einem „Pleading“ mit dem gegnerischen Team zuerst einmal gemeinsam essen zu gehen. Auch die Abende und Nächte werden in den diversen Bars und Kneipen von Hongkong und Wien verbracht werden –sofern nicht am nächsten Morgen ein „Pleading“ für uns ansteht. Von vergangenen Moot-Generationen konnten wir erfahren, dass das Abendprogramm in Kombination mit den täglichen „Pleadings“ mitunter ziemlich anstrengend sein kann. Dass wir unsere Abende nicht zu sehr ausdehnen, darauf werden unsere Coaches ein Auge haben. Aber auch für uns ist der Moot immer noch ein Wettbewerb, den es zu gewinnen gilt.
Bis jetzt hatten wir auf jeden Fall schon eine Menge Spaß und haben noch mehr gelernt. Schon jetzt können wir ein Zwischenfazit ziehen und die Teilnahme am Willem C. Vis Moot nur jedem empfehlen!