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Praktikum bei der Staatsanwaltschaft, Virginia, USA

von Kai Werner, Universität Freiburg

 

 

Ein Auslandsaufenthalt verknüpft die Elemente des Lernens und der Erholung. Und ein Praktikum bei der Staatsanwaltschaft eines beliebigen kleinen County in den Vereinigten Staaten bietet die wunderbare Möglichkeit, das amerikanische Rechtssystem, die Menschen und ihre Lebensweisen zu erleben und sich dabei noch einen phantastischen Sommer zu gestalten.

Hast Du jemals daran gedacht, als Anwalt in Amerika zu arbeiten? Oder von einem Studienaufenthalt dort geträumt? Bevor Du weiter planst, solltest Du einmal ein Gericht von innen gesehen haben, Platz nehmen und durchdenken, was Du erlebst. Ich kannte amerikanische Gerichte nur aus dem Fernsehen oder aus der Literatur. Als ich zum ersten Mal selbst Fuß darein setzte, fand ich mich in Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“. Hitze überall, und gedrängte Menschenmassen. Treffsicherere Anwälte und weise Richter, weinende Familien und die Angeklagten in ihren orangefarbenen Strampelanzügen. Die Bänke hart, das star-sprankled banner überdimensional, beeindruckend. Und so begann ich zu erleben, wie die Mühlen mahlen…

Das Gerichtsgebäude leuchtete weiß und bot drei Strafgerichten Dach: der General District Court für Vergehen und Vorverhandlungen, der  Juvenile and Domestic Relations Court für Straftaten von und gegen Jugendliche und ihre Familien und der Circuit Court für die Verbrechen der Erwachsenen, der Berufungen aus dem GDC und Anklagen. Die Staatsanwaltschaft sieht ihre Aufgabe im Dienst der Bürger, sie zu schützen und ihnen zu dienen. Das erfüllt das Team mit großem Erfolg. Alle Verbrechen müssen ohnehin von Gesetzes wegen verfolgt werden, aber auch bedeutende Vergehen wie Alkohol am Steuer, einfache Körperverletzungen oder Diebstahl beschäftigen uns. Zudem wird das Problembewusstsein in der Bevölkerung durch Schulungen im Strafrecht gestärkt, Vorsorgeprogramme, Auslieferungsübereinkommen mit anderen Staaten, Beschlagnahmungen von Drogen, Polizeizusammenarbeit oder ein Opfer- und Zeugenschutzprogramm tun ihr Übriges. Die große Anerkennung der Staatsanwaltschaft bei der Bevölkerung verdeutlicht die Bedeutung eines jeden einzelnen Falles in jedem der Gerichte. Für ihren Idealismus und ihre Professionalität werden sie allerorts bewundert.

Direkt nebenan befindet sich das Sheriff’s Office. Und mit denen die Straßen (un-)sicher zu machen, war wohl eines der beeindruckensten Dinge, die ich in meinem Leben bisher getan habe. Wir jagten Drogendealer und andere Kriminelle, oder wir kontrollierten bei einer Zigarettenpause einfach nur die Geschwindigkeit. So lernte ich denn auch das Countyleben hautnah kennen, Anhängersiedlungen und Menschen auf der Straße, die Sorgen und Nöte der Kleinen Leute. Auch saß ich mal hinter Gittern, und – obwohl die Tür offen blieb – war es doch ein Erlebnis, dass mich zwang, jedes einzelne Urteil mit ganz anderen Augen zu überdenken. Und es kam Mitleid auf mit den Verurteilten, deren Geschichte ich aus den Akten oder ihren Vorträgen kannte.

Es macht einen Unterschied, das Praktikum in Deutschland oder den USA zu absolvieren. Viel des Prozessrechts kann ich im Studium nicht verwerten und es dauerte eine ganze Weile, bis ich das materielle Recht dort verstand. Aber der Einblick in das Leben der Amerikaner, ihr Verständnis von Gut und Böse, von Richtig und Falsch, ihr Streben nach den Idealen von Freiheit und Demokratie war überwältigend. Ich erlebte Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft, Freundschaftlichkeit und Güte. Und so hatte ich die einmalige Möglichkeit mit Menschen zusammenzuarbeiten, die alles ihnen Mögliche für eine sichere und lebenswerte Zukunft zu tun bereit sind.

Ein solches Beispiel war das Zeugen- und Opferschutzprogramm. Es sollte den Opfern von Verbrechen helfen, mit ihren Erfahrungen zurecht zu kommen und sich vielleicht sogar mit den Tätern wieder zu versöhnen, um deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft man schließlich ebenso bemüht ist. Hier etwas für die Leidenden tun zu können vergegenwärtigt die Wichtigkeit von Beistand, Rat und Trost. Diese Menschen sehen sich nach einer Zukunft oder einem bloßen Anhaltspunkt von Sinn im Leben. Es ist ein wahrhaft beglückendes Gefühl, dass es Menschen gibt, die sich liebevoll um sie kümmern.

Ein Gedanke sollte auch der Freizeitgestaltung gewidmet werden, denn die Gerichte eines Counties sind klein, und nicht jeden Tag kann ein großes Verfahren stattfinden. Natürlich lernt man liebe Anwälte kennen, wird zum Essen oder zum Rudern eingeladen. Aber auch ein tolles Touristenprogramm ersetzt nicht gute Freunde. Ich hatte solche, konnte bei ihnen wohnen, die Abende verbringen, sonntags mit ihnen in die Kirche gehen. Diese soziale Integration ist sehr wichtig. Ich bekam einen Pickup, um zur Arbeit zu fahren, und wenn man alle Cops auf der Straße kennt, wird man schon einige Male nach dem Führerschein gefragt. Viele Tornados gab es auch zu dieser Zeit, und die Hilfe beim Aufbau nach der Zerstörung gab mir das großartige Gefühl, auch selbst Gutes zu tun.

Bereut habe ich die Reise wohl nie. In kürzester Zeit habe ich mehr über ein fremdes Rechtssystem gelernt, als mir all die exzellenten Vorlesungen in Deutschland zeigen können. Ich habe Freunde getroffen und die Ostküste erobert. Bei Interesse für Ausländisches Recht ist es unbedingt empfehlenswert. Die Terminologie lernt sich schnell und ist ohnehin im Berufsleben unabdingbar. Warum also noch länger warten?