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Examen ohne kommerzielles Repetitorium

von Sabine Reinhardt, Universität Freiburg

 

 

I. Einleitung

Spätestens, wenn alle Übungen gemeistert, die Grundlagenscheine erworben, die Wahlfachgruppe ausgesucht oder neuerdings der Schwerpunktbereich bewältigt, der Seminarschein bestanden und alle Praktika absolviert sind, steht jeder von uns vor der schwierigen Frage, wie er sich am besten auf die abschließende Hürde seines universitären Studiums vorbereiten soll: das 1. juristische Staatsexamen. Leider beginnt man oft erst dann zu begreifen, wie viel wertvolle Zeit bereits ungenutzt vergangen ist, und sieht mit Schrecken den wenigen Monaten entgegen, die noch zur Bewältigung des ganzen Stoffes verbleiben. Der vorliegende kleine Beitrag möchte den zukünftigen Examenskandidatinnen und Examenskandidaten daher eine kleine Entscheidungshilfe bei der Auswahl der Mittel und Möglichkeiten zu einer adäquaten Examensvorbereitung geben.

 

II. Arten der Examensvorbereitung

Die erste Entscheidung, die nach dem Entschluss, in die Examensvorbereitung zu gehen, getroffen werden muss,  ist die über das „Wie“. Dazu bieten sich dem frischgebackenen Examensanwärter mehrere Möglichkeiten, die im folgenden genauer unter die Lupe genommen werden sollen.

1. Einzelkämpferdasein

Einige Studenten bevorzugen, was bei der bisherigen Ausgestaltung des Jurastudiums auch recht nahe liegt, sich nur für sich selbst vorzubereiten. Dafür spricht vor allem der Gesichtspunkt, dass man bei einer solchen Vorbereitung immer „Herr der Dinge“ ist. Man ist unabhängig, flexibel, kann seinen Zeitplan für das Lernen selbst aufstellen, dabei je nach persönlichem Wissensstand individuelle Schwerpunkte setzen, seine eigenen Lerngewohnheiten, Vorkenntnisse und Interessen optimal berücksichtigen und damit eine bessere Gewichtung in das Aufarbeiten der ohnehin schon umfangreichen Stofffülle vornehmen.
Nachteilig an dieser Vorgehensweise ist jedoch, dass der wichtige Diskurs in Rechtsfragen unterbleibt, kein direkter Ansprechpartner vorhanden ist, wenn plötzliche Verständnisprobleme beim Bewältigen eines Stoffgebietes auftreten, und die Unsicherheit über das richtige Herangehen an die Examensvorbereitung. Strittige Probleme in einer Klausurlösung werden unter Umständen nicht gesehen oder nur unzureichend behandelt. Zudem können Motivationsstörungen auftreten. Insbesondere bei einer längerfristig angelegten Lernphase, wenn also vermeintlich noch genügend Zeit zur Bewältigung der Stoffmenge verbleibt, ist gerade in den jetzigen heißen Sommertagen der Badesee viel verlockender als ein aufgeheizter Raum mit dem Schreibtisch voller aufgeschlagener Lehrbücher und Gesetzestexte oder das nächste Fußballspiel der Weltmeisterschaft im eigenen Land viel wichtiger als der langwierige Pflichtstoff. Denjenigen von euch, die unter mangelnder Selbstdisziplin leiden und sich nur all zu gern durch amüsantere Dinge des Lebens ablenken lassen, ist daher von dieser Möglichkeit dringlichst abzuraten.

2. Repetitor

Der nach wie vor geläufigste Weg der Examensvorbereitung ist die Anmeldung bei kommerziellen Repetitorien, von denen es in den Prüfungsstädten des 1. Staatsexamens nur so wimmelt. Diese locken den prüfungsängstlichen Studenten mit einem fertigen Gesamtkonzept, umfangreichem Unterrichtsmaterial, stetem Kontakt zu Gleichgesinnten in Person der anderen mehr oder weniger kontaktfreudigen Teilnehmer in den Kursen, festem Lehrplan, für den nicht einmal Vorkenntnisse erforderlich sind, dem Versprechen der Verlässlichkeit des zu vermittelnden Stoffes und ständiger Disziplinierung ihrer Teilnehmer.
Negativ daran sind hingegen der Frontalunterricht in einer Großgruppe, zu dem sich nicht jeder gewogen fühlt, dadurch die Gefahr der Passivität und des Selbstbetrugs durch Scheinsicherheit, das Begeben in ein Abhängigkeitsverhältnis, in welchem man für zweifelhafte Qualität des Lehrpersonals und -materials einen hohen Zeitaufwand für die Teilnahme an sowie die Vor- und Nacharbeit der Kurse erbringen muss und obendrein zur Zahlung eines hohen Kostenbeitrags gefordert wird. Wer angesichts bevorstehender Studiengebühren oder anderer Beweggründe den Weg zum Repetitor scheut, sollte sich folglich besser nach Alternativen umschauen.

3. Arbeitsgemeinschaft

Sehr zu empfehlen sind hingegen die privaten Arbeitsgemeinschaften. Bei ihnen unterliegt man zwar der Abhängigkeit der übrigen AG-Partner, hat gegen anfängliche Startschwierigkeiten und Unsicherheiten zu kämpfen, muss ein hohes Maß an Eigenengagement aufbringen und trägt große Verantwortung. Dafür können Diskussionen durchgeführt, juristische Argumentationen eingeübt werden, erhält man ständige Motivation durch die anderen AG-Mitglieder, falls man selbst einmal eine Durststrecke zu überstehen hat, was jedem über kurz oder lang einmal passieren wird, bekommt eine individuelle Betreuung seines Wissensstandes, steht in ständigem Kontakt zu anderen Examensanwärtern, ist zu steter aktiver Mitgestaltung und Mitarbeit angehalten, kann auf vielfältiges Lernmaterial zurückgreifen und nebenbei seine Teamfähigkeiten fördern. Ganz elementar ist vor allem das dialogbezogene Arbeiten, auf das in der Examensvorbereitung auf keinen Fall verzichtet werden sollte. Im folgenden soll deshalb diese Art des Lernens näher beleuchtet werden.

a) Anzahl der AG-Mitglieder

Bei der Suche nach den AG-Mitgliedern ist zunächst zu klären, wie groß die Arbeitsgemeinschaft sein soll. Erfahrungsgemäß ist eine Größe zwischen drei und fünf Teilnehmern sinnvoll. Bei nur zwei Teilnehmern besteht die Gefahr, dass derjenige, der von seinem Kompagnon verlassen wird, letztlich alleine weiterkämpfen muss, was erhebliche Schwierigkeiten verursachen kann. Über eine Anzahl von fünf Personen sollte die Arbeitsgemeinschaft hingegen nicht anwachsen. Die in den Sitzungen anstehenden Diskussionen würden zu ausufernd und damit zu zeitaufwändig. Der vorgegebene Zeitplan kann dann leicht uneinhaltbar werden, was unbedingt vermieden werden muss.

b) Zusammensetzung der AG-Mitglieder

Bei der Zusammensetzung der AG-Mitglieder sollte folgendes bedacht werden: Man sollte sich um Kommilitonen bemühen, die annähernd den gleichen Eingangswissensstand aufweisen, sich möglichst in den Rechtsgebieten auskennen, in denen man selbst noch Erklärungsbedarf hat und zudem eine vergleichbare Arbeitsweise an den Tag legen. Diskussionen in den Sitzungen sind zwar unheimlich wichtig, sie bringen aber nichts, wenn zwei von vier AG-Teilnehmern immer nur eine Passivrolle zukommt.

c) zeitlicher Umfang der Arbeitsgemeinschaften

Als zeitlicher Umfang für eine AG-Sitzung bietet sich eine Sitzungsdauer von vier Zeitstunden an. Einen höheren Zeitumfang sollte eine Sitzung nicht aufweisen, da sich bereits am Ende dieser vier Stunden langsam Ermüdungserscheinungen einstellen. Sollte dennoch chronischer Zeitmangel herrschen, empfiehlt es sich, häufigere Sitzungen von geringerer Dauer abzuhalten.
Auf keinen Fall sollten aber an allen Wochentagen AG-Sitzungen anberaumt werden, weil sonst zu wenig Zeit für die Vor- bzw. Nachbereitung der einzelnen Lerneinheiten verbleibt und somit der Zeitplan leicht uneinhaltbar wird, sowie auch kurze Erholungsphasen zur seelischen und geistigen Entspannung von Nöten sind.

d) Ausgestaltung der Arbeitsgemeinschaften

Die Ausgestaltung der AG-Sitzungen muss gut durchdacht und von allen Beteiligten hundertprozentig mitgetragen werden. Hier könnte man sich von vornherein dafür entscheiden, dass in den einzelnen Sitzungen nur Klausuren besprochen werden sollen. Dafür bietet sich jedoch an, den für die jeweilige Klausur maßgeblichen Stoff mit aufzuarbeiten.

aa) Aufarbeitung des Stoffes

Die Aufarbeitung des Stoffes ist in jedem Fall Sache aller AG-Beteiligten. Möglichst sollte dabei abwechselnd jeder einmal als Referent verantwortlich sein. Diesem obliegt dann im wesentlichen die Vorstellung des abzuarbeitenden Stoffgebietes. Die übrigen AG-Teilnehmer werden aber angehalten, sich ebenfalls umfänglich mit dem Stoff zu beschäftigen, damit Diskussionen möglich werden können.
Die Aufarbeitung selbst erfolgt anhand eines vorgegebenen Planes, dem innerhalb der Examensvorbereitung eine große Bedeutung zukommt. Er bietet einen Überblick über den noch zu behandelnden Stoff und schafft damit eine gewisse Planungssicherheit. Gleichermaßen hat er indes auch die Funktion, die Plänen klassischerweise zukommt: man muss sich an sie halten!!! Sollte die AG irgendwann im Laufe ihres Bestehens den Stoff nicht systematisch abarbeiten können, so darf der liegengebliebene Teil keinesfalls mitgeschleppt werden. In solchen Fällen muss in der folgenden Sitzung weiter nach Plan verfahren werden. Andernfalls droht die Stoffarbeit, sollten derartige Verschleppungen sich überhäufen, im Chaos zu versinken – der hehre Plan wird zur bloßen Makulatur. Aufgefangen werden die entstehenden Lücken durch das persönliche Nacharbeiten des nicht geschafften Stoffes durch jeden einzelnen AG-Teilnehmer oder durch zusätzliche Sitzungstermine.
Was den Inhalt der Sitzungen angeht, also den zu behandelnden Stoff, so ist ein Blick in die JAPrO von einiger Wichtigkeit. Hier empfiehlt es sich zudem, in andere Ausbildungsordnungen zu schauen, um die bestehenden Unterschiede herauszufinden. So kann man sich einen ersten Überblick verschaffen, diesen verfeinern und schließlich in einen AG-Plan umsetzen.
An dieser Stelle sei eine nochmalige Entwarnung gegeben: Viele Angstmacher, welche die Examenskandidaten in jedem Fall zur Teilnahme an einem kommerziellen Repetitorium bewegen wollen, geben vor, nur diese Institutionen könnten mit einiger Sicherheit den Stoff in seiner Fülle bearbeiten und böten damit die Gewähr einer möglichst lückenlosen und zudem schwerpunktorientierten Examensvorbereitung. Dieser Versuch der Panikmache kann ganz klar dadurch entkräftet werden, dass man Pläne nach der JAPrO- Auskunft  und der eigenen Erfahrung während des Studiums mühelos selbst schmieden kann. Die bei der Stoffauswahl verbleibende „Grauzone“ ist auch bei den kommerziellen Repetitorien eine solche, da die Erkenntnis immer erst nach dem geschriebenen Examen erfolgt und vorher niemand sicher sagen kann, was in welcher Form geprüft wird.

bb) Klausurbesprechungen

Für die Vorgehensweise bei Klausurbesprechungen bietet sich wiederum an, ein AG-Mitglied als Verantwortlichen zu bestimmen, der dann die entsprechende Klausur aussucht, die Lösung kennt und Rahmenfragen, die mit dem Fall in Verbindung stehen, ausarbeitet. Die anderen Teilnehmer sind dann aufgefordert, den Fall vor den kritischen Ohren des Wissenden einer Lösung zuzuführen.
Diese Art der Klausurbesprechung eröffnet mehrere Vorteile: Irrige Lösungsansätze können sogleich durch den jeweils Verantwortlichen abgetan und somit Zeit gespart werden. Zudem wird das Entwickeln einer Lösung durch mündliches Vorgehen geübt, was zugleich eine gute Vorbereitung auf das mündliche Examen darstellt.

cc) Wiederholungen

Entscheidend wichtig sind daneben Wiederholungen, da sich der Stoff oftmals erst nach mehrmaligem Durcharbeiten und Auffrischen festsetzt. Sie sind daher in den Zeitumfang einer Sitzung unbedingt mit einzuplanen und können am Anfang einer Sitzung über den behandelten Stoff der vergangenen Sitzung  abgehalten werden oder am Ende der jeweiligen Einheit als kurze Zusammenfassung.
In welcher Weise letztlich jedoch wiederholt wird, ist eher nebensächlich. Unentbehrlich ist nur, dass Wiederholungen überhaupt stattfinden.

4. Universitäres Repetitorium

Eine weitere Bereicherung in der Examenvorbereitung ist die Inanspruchnahme des Angebotes seitens der Universität. Will man nicht die Vor- und Nachbereitung der AG-Arbeit ausschließlich in Eigenarbeit am heimischen Schreibtisch bewältigen, ist es willkommen, dass man die Veranstaltungen des Uni-Repetitoriums besucht.
Besonders empfehlenswert ist dabei das Fallrepetitorium im Zivilrecht von Prof. Kaiser, welches auf ein Jahr angelegt ist und immer im Wintersemester beginnt. Neben anspruchsvollen Sachverhalten von Examensklausuren vergangener Jahre werden dem Examensanwärter dort gegen die Entrichtung eines Unkostenbeitrags für Kopieanfertigungen hochprofessionelle und bereits schriftlich ausgefertigte Lösungen geboten.
Unentbehrlich ist ohnehin das Schreiben von Klausuren. Damit das Ganze auch möglichst relativ realitätsnah ist, sollten die Klausuren Examensniveau haben und in einem Stück im vorgegebenen Zeitrahmen geschrieben werden. Eine gewisse Regelmäßigkeit ist dabei in jedem Fall einzuhalten, um die spezielle Examenssituation zu trainieren. Ideal ist es daher, den im Semester stattfindenden Samstagsklausurenkurs der Universität zu besuchen. Der Vorteil besteht dabei darin, dass nicht wie beim kommerziellen Repetitor Kosten entstehen, es eine festgelegte Zeit gibt, in der die Klausuren zu verfassen sind, und die Zeiträume bis zur Rückgabe der Arbeiten fixiert sind.

 

III. Fazit

Für mich stand fest, dass ich vor dem Abwandern zum kommerziellen Repetitor einen anderen Weg wagen wollte. Die hohen Beitragskosten für eine quasi-universitäre Vorlesung wie in den vorrangegangenen sechs Semestern meines Studiums und die Vorstellung eines Frontalunterrichts in einer Großgruppe ob meiner Kenntnis der hohen Zahl an Prüfungskandidaten zum Examenstermin Herbst 2006, welche wegen der letztmaligen Prüfungsteilnahme nach altem Prüfungsrecht ohne Schwerpunktbereichsstudium als gewiss anzunehmen ist, schreckten mich besonders davon ab, ein kommerzielles Repetitorium zu besuchen.
 Zudem kenne ich meine grundsätzliche Schwäche für Mitarbeit in Lehrveranstaltungen mit hohen Besucherzahlen, da es mich noch nie sonderlich gereizt hatte, vor meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen mit Wissen zu protzen, beziehungsweise mich durch Nichtwissen zu blamieren. Daher sah ich gerade im Lernen in einer Großgruppe meine persönliche Gefahr des Mitschwimmens und letztlich Versteckens im großen Pulk der Anonymität meiner Mitstreiter.
Bewusst war mir allerdings auch, dass eine eigene Examensvorbereitung gewisse Gefahren birgt und es ein ziemlich großer Aufwand ist, wenn man sich alles selbst erarbeiten muss, was man anderswo schön aufbereitet serviert bekommt. Eine Gewähr, ein gutes Examen zu schreiben, bietet einem jedoch niemand. Ich entschloss mich daher, eine private Arbeitsgemeinschaft zu gründen, um die Verantwortung für eine adäquate Examensvorbereitung zumindest nicht ganz allein auf meinen eigenen Schultern zu tragen, und nebenbei die Möglichkeiten des universitären Repetitoriums auszuschöpfen.

   Die persönliche Entscheidung, welche Art der Examensvorbereitung für einen am geeignetsten ist, hat aber jeder für sich selbst zu treffen und kann niemandem abgenommen werden. Dieser Bericht soll daher nicht den von mir erwählten Weg der Examensvorbereitung über andere Vorgehensweisen stellen. Er soll lediglich dazu anregen, vor einer vorschnellen Entscheidung über alle aufgezeigten Varianten nachzudenken, und dazu ermutigen, die Barriere der Angst, bei einer privaten Vorbereitung im Examen jämmerlich zu versagen, durch ein gesundes Selbstbewusstsein zu überwinden. Egal für welchen Weg ihr euch dabei auch entscheidet – alles Gute und viel Erfolg im Examen!