Interview über litauische und deutsche Rechtsausbildung und den LL.M. in Freiburg mit Zivile Paskeviciute

von stud. jur. Peter Zoth, Universität Freiburg

Zivilė Paškevičiūtė ist litauische Studentin, die nach ihrem Abschluss an der Vilnius Universität (Litauen) zur Zeit ihren LL.M. an der Universität Freiburg absolviert und mit FreiLaw über ihr heimatliches Rechtssystem, die dortige Juristenausbildung und das Positive am deutschen LL.M. sprach.

 

Litauen wurde 1990 unabhängig. Wie wurde damals das Recht weiterentwickelt? Welchem Rechtskreis gehört Litauen an?

Nach der Unabhängigkeit haben wir alles geändert – die Verfassung von 1938 wieder angenommen, Gesetze, Kodexe (Zivil und Strafrecht), das Gerichtsystem geändert. Als Beispiel diente das deutsche Recht, aber auch das holländisches und für bestimmte Bereiche noch einige andere Rechtsordnungen. Nach dem EU-Beitritt gab es nochmals eine Rechtsveränderung, um das EU- Recht anzunehmen. Und der Prozess läuft immer weiter, am 1.1.2009 trat zum Beispiel eine Steuerreform in Kraft.

Litauen gehört  wie Deutschland zu den „Countries of Roman law tradition“ oder  „Civil Law tradition“, wir sagen es gehört noch zum Kontinentalrechtkreis.

 

Gibt es große Unterschiede zwischen deutschen und litauischen Recht? Wenn ja, welche?

Leider kenne ich das deutsche Recht noch nicht gut genug, um diese Frage qualifiziert zu beantworten. Da beide Rechte zum kontinentalen Rechtssystem gehören, gibt es generell viele Gemeinsamkeiten. Während der Vorbereitung auf meine Seminararbeit habe ich aber erfahren, dass in Deutschland ein viel stärkerer Gläubigerschutz im Gesellschaftbereich vorgesehen ist als bei uns, aber das ist nur ein kleines Beispiel.

 

In Deutschland wird viel darüber diskutiert, den Bologna-Prozess auf die Rechtwissenschaften auszudehnen und das Staatsexamen zu ersetzen. Welche Abschlüsse kennt man in Litauen? Gilt das Bachelor- und Master-System?

Bei uns hat jede Universität die Autonomie das Abschlusssystem festzusetzen. Meine Uni hat ein 5-Jahres-System (integrated studies) und wir bekommen unter dem Vorbehalt erfolgreicher Prüfungen ein Magister Diplom. Andere Universitäten haben meistens das Bachelor- und Master-System, d.h. vier Jahre und zwei Jahre.

 

Examenskandidaten verzweifeln oft an der enormen Stoffmenge, die sie am Tag der Prüfung beherrschen müssen. Gibt es  auch den „Volljuristen“ oder ist eine frühzeitige Spezialisierung möglich? Wie ist das Studium strukturiert?

Ja, ich wundere mich auch über das Abschlusssystem in Deutschland, weil ich es schon unvernünftig finde, von Studenten zu verlangen alle Bereiche zu wissen. In Litauen ist das Studium so strukturiert, dass wir am Ende von jedem Semester Prüfungen haben (immer schriftlich, weil man, wenn man mit der Note unzufrieden ist, später einen Einspruch vorlegen kann). Im achten Semester muss man einen Schwerpunkt wählen, z. B. Arbeitsrecht, Zivilrecht, Strafrecht, Rechtslehre, Internationales Recht, Staatsrecht und einige mehr und nur dein Schwerpunktbereich wird später in der Abschlussprüfung geprüft. Aber nach dem Studium haben wir weitere verschiedene Prüfungen für einige Rechtspositionen, d. h. wenn man als Anwalt tätig werden will, muss eine Prüfung bestehen, die alle Rechtsbereiche umfasst (ähnlich dem deutschen Staatsexamen) und die ist dann einige Jahren nach dem Studium (mindestens zwei Jahre Praktikum sind obligatorisch), wenn man echt schon eine Spezialisierung hat. Andere Prüfungen gibt es für die Richter und Notare.

 

An den Fakultäten tobt seid jeher der Kampf zwischen gebührenpflichtigen Repetitorien und der universitären Examensvorbereitung. Ein typisch deutsches Phänomen?

Bei uns sind in Jura gebührenpflichtige Repetitorien nicht bekannt, weil sich die Studenten auf die Abschlussprüfungen meistens selber vorbereiten. Es gibt nur einige Vorlesungen, in denen  man die Rahmenempfehlungen für die Prüfungen bekommen kann. Aber es ist erwähnenswert, dass wir in Litauen ein anderes System haben und unsere Staatsprüfung oder Abschlussprüfung vom Schwerpunkt geprägt ist, nicht von allem, was wir gelernt haben. Mein Schwerpunkt war zum Beispiel internationales Recht, also musste ich die Abschlussprüfung in Völkerrecht, internationalem Privatrecht und EU-Recht machen.

 

Bei „LLM“ denke viele gleich an wohlklingende Namen von englischen oder amerikanischen Universitäten. Dass es dieses Programm auch für Deutschland gibt wissen manche oft überhaupt nicht.  Was ist am „German Way of Law“ so interessant?

Sehen Sie, bei uns denken viele bei „LLM“ nicht nur an wohlklingende Namen von englischen oder amerikanischen Universitäten, sondern auch an deutsche Universitäten, weil es eigentlich ganz populär ist in Deutschland ein Aufbaustudium zu machen. Ich würde vielleicht folgende Gründe dafür sehen: Erstens hat das deutsche Recht viele Gemeinsamkeiten mit litauischem Recht und kann als ein Vorbild dienen. Zweitens ist Deutschland als ein sehr entwickelter Rechtstaat angesehen, ich meine, dass viele Rechtsfragen sehr tief bearbeitet worden sind. Ein kleines Beispiel: Wir haben zwei oder drei Rechtszeitschriften und hier gibt es unzählbare Menge davon. Drittens hat die Universität von Vilnius, wo ich mein Studium gemacht habe, sehr enge und gute Beziehungen zu den Universitäten in Deutschland, besonders zu der Goethe Universität in Frankfurt am Main, mit der zusammen ein zweijähriges Programm in deutschem Recht für die Studierenden in Vilnius angeboten wird.  Nicht zuletzt sind es aber auch die Kosten für ein Studium, die in Deutschland im Vergleich zu anglorechtlichen Unis noch begreifbar sind.

 

Fühlen Sie sich in Freiburg gut betreut? Was könnte man verbessern?

Ja, eigentlich bin ich mit der Betreuung sehr zufrieden. Es gibt ein Office für ausländische Studenten, an das  man sich immer wenden kann und die Leute, die dort arbeiten, sind sehr nett und hilfsbereit. Natürlich, am Anfang war es schwierig das Unisystem mit all den verschiedenen Anmeldungen zu verstehen und  bisschen fürchterlich etwas nicht zu vergessen, weil bürokratische Handlungen hier sehr wichtig sind, aber mit der Hilfe von den Kommilitonen alles hat super geklappt.

 

Was streben Sie nach Ihrem Abschluss an?

In Litauen bin ich fast fertig mit meinem Praktikum beim Anwalt. Sobald ich zurück bin, bereite ich mich auf die Anwalt Prüfungen vor, die in Litauen als die schwierigsten Prüfungen angesehen werden. Wenn ich es schaffe, kann ich anfangen als Anwältin zu arbeiten. Das ist mein Ziel Nummer eins.