Einzigartigkeit – Vielfalt – Herausforderungen – Studieren in Peking, ein Erfahrungsbericht

 

Moritz Neumann*

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Die Fakultätspartnerschaft der rechtswissenschaftlichen Fakultät Freiburgs mit der Tsinghua Law School ermöglichte es mir, ein aufregendes Studienjahr in Peking zu verbringen. Nach einem Austausch während meiner Schulzeit mit einer chinesischen Schule in Ningbo stand für mich früh fest, dieses grandiose Angebot zu nutzen. Die Tsinghua University im Nordwesten Pekings ist eine außerordentlich renommierte Universität. Sie wurde 1911 gegründet und zählt neben der Peking University zu den zwei besten Hochschulen des Landes.

Einzigartigkeit

China ist ein Land mit einer Kultur, Bevölkerung und Dynamik, wie ich es nie vorher erleben durfte. Bereits vor meinem Aufbruch war mir bewusst, dass sich sowohl das universitäre als auch das außeruniversitäre Leben von allem mir Bekannten unterscheidet und dass es einiger Zeit und auch Anpassungsbereitschaft bedarf, um mit bestimmten Kuriositäten leben zu lernen.

Der Besuch von Vorlesungen in englischer Sprache fuhr mit diversen Alleinstellungsmerkmalen auf. Hier wurden uns in kleinen Klassen Grundlagen des chinesischen Rechts nähergebracht und ein reger Austausch mit chinesischen Lehrenden ermöglicht. Deutlich wurde, dass das chinesische Recht noch nicht ausgereift ist, eine Kodifikation des Zivilgesetzbuches beispielsweise bislang fehlt. Ein Kontrast in Sachen Fortschritt wurde während einer Stunde Chinese Criminal Law deutlich. Der Professor referierte über verschiedene Verhörmethoden und berichtete, dass Folter in China mittlerweile verboten sei. Überraschenderweise fügte er jedoch mit einem Grinsen hinzu, dass in China niemals einheitlich definiert wurde, was Folter überhaupt sei.

Verlässt man einmal den Campus – der eher einer kleinen Stadt gleicht – und taucht ein in das Gewusel dieser 22 Millionen Einwohner fassenden Metropole, wird man schlichtweg erschlagen von den Kontrasten, die die Hauptstadt Chinas zu bieten hat. Lässt man von jedem beliebigen Punkt den Blick in die Ferne schweifen (wenn dies denn möglich ist = „Smog“), so sieht man nichts als Wolkenkratzer und verglaste Bürokomplexe. Richtet man seinen Blick auf das Kleine, das (noch) Alltägliche der Pekinger, so sieht man eine einzigartige Kultur, die in jeder Nuance abweicht von der mir Bekannten. Abseits der Hochhäuserschluchten nämlich haben es viele Einwohner geschafft, Traditionen zu bewahren und ein kulturell unangepasstes Leben zu führen. So war es unglaublich aufregend, durch die alten Viertel (Hutongs) zu schlendern, die dort ansässigen Taubenzüchter bei ihrer Arbeit zu beobachten oder einfach eine Niu Rou Mian, eine köstliche Nudelsuppe zu essen. Und so könnte ich viele Alleinstellungsmerkmale der Tsinghua, Pekings und Chinas im Allgemeinen aufzeigen, die lehrreich und gleichsam bereichernd sind.

Vielfalt

Es gibt viele Attribute, mit denen man China auszeichnen kann. Das passendste ist meines Erachtens die Vielfalt und das sowohl in landschaftlicher, kultureller und kulinarischer Hinsicht. Ein Auslandsstudium in China lohnt sich bereits deshalb, weil man die Freiheit hat – auch mit kleinem Studierendengeldbeutel – das ganze Land und andere Teile Ost- und Südostasiens zu bereisen.

Reist man nach Shanghai, kann man die Vielfalt Chinas, komprimiert auf wenige Quadratkilometer, beobachten. Spaziert man auf der Prachtpromenade – dem Bund – weiß man nicht, wohin man schauen soll. Auf der einen Seite die schwindelerregende Skyline, auf der anderen Seite historische Bankhäuser, die von der bewegten Kolonialzeit zeugen. Schlendert man etwas in südlicher Richtung, so wird man unweigerlich den Yu-Garten besuchen, ein sagenhaftes Relikt der chinesischen Gartenkunst aus der Ming-Dynastie. Danach sollten in westlicher Richtung die Überreste der französischen Konzession besichtigt werden, die heute als traditionelle Behausung vieler dienen, welche nicht den Drang verspüren, in einem der unzähligen Wolkenkratzer zu wohnen.

Fährt man mit dem Schlafwagen 15 Stunden von Peking in die im Zentrum Chinas gelegene Stadt Xi’an, so kann man ein ähnlich vielfältiges Abbild der chinesischen Kultur sehen. Xi’an war Endpunkt der antiken Seidenstraße und hat eine dementsprechend lebendige Vergangenheit, in der sich verschiedenste Volksgruppen unterschiedlicher Ethnien niedergelassen haben. Ein Relikt ist das muslimische Viertel, in dem man beim Schlendern auf die unterschiedlichsten kulinarischen und künstlerischen Raritäten stößt. Umgeben wird die Altstadt von der gewaltigen Stadtmauer, auf der man, wahlweise mit Tandem oder Fahrrad, die Stadt umrunden kann. Auch bietet sich Xi’an als Ausgangspunkt zur Besichtigung der famosen Terrakottaarmee an, welche den ersten chinesischen Kaiser Qín Shǐhuángdì im Jenseits beschützt.

 

Möchte man dem eisigen Winter Pekings für ein paar Tage entschwinden, so sollte man Hong Kong besuchen, die chinesische Sonderverwaltungszone, die so anders ist als die nördliche Hauptstadt. Wieder lässt sich eine atemberaubende Skyline beobachten, wieder kann man seinen Geschmacksnerven mit einer unglaublichen kulinarischen Vielfalt etwas Gutes tun. Hong Kong hat aber noch ganz andere Seiten. Fährt man mit einem Linienbus eine halbe Stunde in die New Territories, so lassen sich unglaublich schöne Wanderrouten und verborgene Strände entdecken.

All das ist nur ein fragmentarischer Ausschnitt von Reisen, die man in China machen kann. Es sei an dieser Stelle beispielhaft an Tibet, die innere Mongolei, Tsingtau, Guilin oder Chengdu erinnert. Um die Vielfalt dieses Landes zu ergründen, sollte man sich die Zeit nehmen, viel zu reisen und mit Einheimischen in Kontakt zu kommen.

Herausforderungen

Einzigartigkeit und Vielfalt bedeuten auch immer Herausforderungen, denen man sich im Laufe der Zeit stellen muss. Zugegebenermaßen ist das Leben in einer Metropole, in der man zur Rushhour in der U-Bahn eine Stunde lang zu seiner Praktikumsstelle in aller Frühe bei 30 Grad Außentemperatur hecheln muss, nicht immer nur bereichernd, sondern vor allem eines – herausfordernd. Besonders das Volle, das Wuselige und das Erratische führte hin und wieder zu strapaziösen Tagen, die es durchzuhalten galt.

Herausfordernd war auch der Kontrast zwischen vollkommener Bevormundung und unglaublichen Freiheiten. So durfte jemand, der nicht in meinem Wohnheim wohnte, nicht auf mein Zimmer, ohne seine Personalien und seinen Reisepass abzugeben. Auch unliebsame soziale Netzwerke lassen sich nur mittels VPN Client aufrufen.

Unter diesem Aspekt möchte ich aus verschiedenen Erfahrungen und Beobachtungen, die ich während meines Aufenthaltes in Peking gemacht habe, Verbindungen zum Thema dieser Ausgabe (Freilaw 01/2018) herstellen. Meinen Empfindungen zufolge pflegen viele Chinesen einen verhältnismäßig laxen Umgang mit ihren persönlichen Daten. Das liegt jedoch nicht an der einzelnen Person, sondern an Gesetzen und Gepflogenheiten, die in China lebende Personen für eine zeitgerechte Lebensweise einhalten müssen. Angefangen hat dies bereits vor Reiseantritt bei der Beantragung meines Visums. Um ein solches Visum, welches sich nach Vorstellung bei der Polizei in Peking in eine Residence Permit umwandeln soll, zu erhalten, musste ich eine vollumfängliche ärztliche Untersuchung samt EKG, AIDS-Test etc. und deren negative Befunde nachweisen können. Wie konkret mit meinen Gesundheitsdaten in China umgegangen wurde, konnte mir niemand sagen. Nach meiner Ankunft wurde mir dann schnell bewusst, dass ein normales Leben nur möglich ist, wenn man sensible persönliche Daten freigibt.

 

Als weiteres Beispiel kann das Kaufen einer Fahrkarte für die U-Bahn genommen werden. Um die Drehkreuze in den Stationen passieren zu können, bedarf es einer Plastikkarte mit Chip, die beim Betreten und beim Verlassen der Station an einen Sensor gehalten werden muss. Um eine Karte kaufen zu können, muss man unter anderem seine Reisepassnummer angeben. Hört sich zunächst weniger dramatisch an. Es ist jedoch ungleich dramatischer, wenn man bedenkt, dass die Passnummer unschwer mit den abgegebenen Daten bei der Einreise abgeglichen werden könnte, sodass der Staat jederzeit dazu in der Lage wäre zu überprüfen, wo man sich zurzeit befindet, sobald ein öffentliches Transportmittel betreten und verlassen wird. Dasselbe gilt für den Kauf von Zug- und Flugtickets.

Ein anderes Beispiel, das zu einem laxeren Umgang mit persönlichen Daten verführte, war die Möglichkeit der Bezahlung durch Wechat Pay, einem mobilen Bezahldienst des beliebtesten chinesischen Messengerdienstes. Um Wechat Pay zu aktivieren, muss man seine Kreditkartennummer und andere persönliche Daten angeben. Wie mit diesen Daten weiterverfahren wurde, war nicht transparent. Zugegebenermaßen ist dieser Dienst auf der einen Seite mit diversen Vorteilen verbunden. So wird der Bezahlvorgang durchaus beschleunigt und vereinfacht. Mittels seines Smartphones kann man den Barcode des Gläubigers scannen und innerhalb von Sekunden ist der Vorgang abgeschlossen, der Verkäufer zufrieden und das Konto belastet. Und wenn man nun denkt, nur große Geschäfte verfügten über die Möglichkeit des Wechat Pay, irrt man gewaltig. Selbst die größtenteils illegalen Imbissstände, die zum Beispiel unglaublich leckere Pfannkuchen mit allerlei Inhalt anbieten, besaßen einen Wechat Account. Gerüchten zufolge verfügen selbst Bettler über einen Barcode, mittels diesem man spenden kann.

Auch Chinas neueste Initiative ist unter Datenschutzaspekten mindestens fragwürdig. Das sogenannte social credit system kreiert den gläsernen Bürger – frei nach George Orwell – und versucht damit, seine Totalüberwachung zukunftsträchtig zu machen. Chinesen werden von einer staatlichen Ratingagentur anhand ihres Verhaltens im Netz und im realen Leben bewertet. Aufgeteilt werden sie dann in drei unterschiedliche Kategorien. Glückliche, die sich über ein AAA-Rating freuen können, werden dann beispielsweise bei der Studienplatzvergabe ihrer Kinder bevorzugt. Unglückliche, die anhand ihres überwachten Verhaltens nicht den Prinzipien der Parteilinie entsprechen, werden sozial benachteiligt.

Fazit

Nachdem ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin, stellten mir Freunde und Verwandte eine scheinbar simple Frage: Wie war es? Und ich habe mich bei der Beantwortung dieser Frage unglaublich schwergetan. Zum einen wollte ich sie nicht mit einem nichtssagenden Gut abfertigen, zum anderen wollte ich ihnen keine Romane erzählen. Nach langer Reflektion kann ich nun sagen, dass dieses Jahr einzigartig, vielfältig und herausfordernd war. Wer ein solches Jahr im Rahmen seines Studiums erleben möchte, dem empfehle ich mit Nachdruck, ein Studium in China in Erwägung zu ziehen. Neben der oben genannten Fakultätspartnerschaft vergibt der Lehrstuhl für Ostasienrecht der Universität Freiburg Stipendien für ein Studium an der China University of Political Science and Law in Peking. Ansprechpartner ist dabei Vincent Winkler.

 

* Der Autor studiert im sechsten Fachsemester Rechtswissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit dem Schwerpunkt „Handel und Wirtschaft“. Er ist studentische Hilfskraft am Institut für Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht mit Schwerpunkt Ostasien bei Prof. Dr. Yuanshi Bu LL.M. (Harvard).