Ein Praktikum bei der Rosbank in Moskau, Russland

von Kai Werner, Universität Freiburg

Dieser Bericht soll einen kleinen Einblick in ein Praktikum geben, welches ich im August 2003 in Moskau absolvieren konnte. Vielleicht gibt er eine Hilfestellung für Studenten, die selbst ein Auslandspraktikum planen, und zeigt den anderen, warum ich der Meinung bin, dass man Russland nie oft genug bereist haben kann.

Durch den Zusammenschluss mit der UNEXIM Bank im Jahre 2000 wurde die Rosbank zu einer der führenden russischen Großbanken. Ich hatte Gelegenheit, für vier Wochen als Praktikant in die Rechtsabteilung zu schnuppern. Nun muss man sich im Klaren sein, dass Wirtschaftskenntnisse bei einer Bank viel entscheidender sind, als solche des Rechts. Gesetze erschließen sich dem Leser von selbst, eigentlich interessant sind die Verträge, Handelstransaktionen und der Bänker lustiges Geschwätz. Also empfehle ich niemandem, nach Russland zu gehen um Recht oder Wirtschaftswissenschaften zu lernen. Das geht hier besser. Ohnehin sollte eines der Pflichtpraktika in Deutschland sein, denn hier kennt man das Recht, kann es anwenden und dann das Gelernte auch im Studium verwerten. In Russland lernt man anderes. Man könnte sagen, die Menschen hier haben einfach ein von dem unseren unterschiedliches Verständnis vom Recht. Die Gesetze gleichen zwar den international bekannten, sie funktionieren nur auf ihre besondere Weise. Russisch eben. Das sollte aber keinesfalls Grund zur Zurückhaltung geben. Bereist das Land, um Freunde zu treffen, die Sprache zu lernen und Bekanntschaften zu knüpfen! Die Menschen verstehen lernen.

Nun stellt sich zunächst die Frage, wie man überhaupt einen Praktikumsplatz bekommt. Offizielle Bewerbungen sind möglich, bei deutschen und russischen Banken, bei der Botschaft oder Unternehmen im Land. Bei mir blieb der Erfolg aus, vielleicht mag es anderen besser gehen. Daher mein Rat, sich an Freunde zu wenden. Die helfen, denn sie wissen, wie das in Russland ist. Jeder braucht Bekannte, um zu überleben. Das schwer bewaffnete Wachpersonal macht dies deutlich. Ohne ein gewisses Maß an grundsätzlichem Misstrauen scheint erfolgreiches Wirtschaften nicht möglich zu sein. Diese Mauer muss gebrochen werden.

Dahinter treffe ich Menschen, die wirklich hart arbeiten für das, was sie erreicht haben. Sie geben ihr Leben für ein besseres förmlich auf, und nicht immer wird das belohnt. Ich arbeitete mit einer Frau, die jeden Morgen um sechs die Kinder im Kindergarten abliefert, um dann für zwei Stunden quer durch Moskau zu ihrer Arbeitsstelle zu fahren. Nach einem langen Arbeitstag stand dann noch Gartenarbeit an, um die Grundnahrungsmittel anzubauen. Man verdient nicht viel, als ein einfacher Bankangestellter. Die Freunde denken aber, das sei so. Die bösen reichen Geschäftsleute! Es wird hier vielleicht Zeit, einen Charakterzug zu beschreiben, den ich bei vielen russischen Freunden gefunden habe. Man ist nicht gern Durchschnitt. Der Deutsche ist immer ein bisschen gewöhnlich, zumindest – nicht außergewöhnlich. Wer würde mit Freude $ 200 für ein Glas Champagner bezahlen, wenn er fast pleite ist? Man muss die Extreme lieben und genießen können. Ich zum Beispiel liebe Paris. Moskau hat viel gemeinsam mit Paris, wie auch mit Tokio. Auch Deutschland ist schön, aber manchmal wird es doch gar einfach und langweilig, wenn man einmal sein Herz an Russland verloren hat. Dann strebt man nach dem Besonderen, möchte ich sagen.
In Russland warten Visumsbeschränkungen und Verwaltungsschikanen ganz gewiss. Da muss gekämpft werden. Schweigen sollte man nur über seinen Arbeitgeber, denn in Begleitung eines schwarz kostümierten Bankiers wird alles etwas teuerer. Nicht eben das Doppelte, eher das Zehnfache. Das heißt dann „business“, habe ich gelernt.
Den besten Rat, den ich geben kann, ist bei Freunden zu wohnen. Bleibt man im Hotel, so ist das nicht nur langweilig, man verpasst auch den entscheidenden Sinn der Reise: das Verständnis für das Volk. Offene Gespräche bahnen sich erst in der Banja an, bei Kunstauktionen oder einem Drink. Es dauert lange, sich den Menschen zu nähern, und bei der Arbeit ist es beinahe unmöglich. Man wird immer ein Fremder in einem anderen Land sein. Oder man kann eben die unendliche Gastfreundschaft wahrnehmen und die schönste Zeit seines Lebens in warmer Familienrunde genießen.

Ich schreibe über ein Praktikum, da sollte auch meine eigentliche Arbeit Erwähnung finden. Da gab es die grundlegenden Bank- und Kapitalmarktvorschriften, hausinterne Vorgänge, Devisen- und Geldmarktgeschäfte, Konten- und Konsortialverträge, Wertpapierhandel. Bankgeschäfte sind wohl allgemein bekannt. Dieses Jahr ist die Bank sogar an die Börse gegangen. Die Änderungen sind rasant.

Meine wichtigste Erkenntnis – oder sagen wir besser, ich begann zu glauben – war, dass Englisch auch hier die eigentliche Geschäftssprache ist. Das Russische braucht man zum Verstehen des Nebensächlichen, um nicht übers Ohr gehauen zu werden und somit, um letztlich erfolgreich zu sein. Die wenigsten Verträge basieren auf russischem Recht. Und wenn sie es doch einmal sollten, dann hüte man sich und engagiere lieber einen heimischen Anwalt. Die meisten Großkanzleien haben eine Vertretung in Moskau. Sie helfen mit Freude. (Und, ganz nebenbei gesagt, sie bieten auch hervorragende Möglichkeiten für Praktika. In Russland ist immer was frei.)

Ich selbst halte es so, dass ich am liebsten in Urlaub fahre. Auch so lernt man Wichtiges und Nützliches. Aber wer es schon bis Moskau geschafft hat, der sollte unbedingt beim Verband der deutschen Wirtschaft vorstellig werden, www.vdw.ru. Dort kommen Geschichten zur Sprache, die mir ohnehin niemand glauben würde. Daher beschließe ich hier diesen Artikel und vertröste auf bald.